Wirtschaft : Müller hat die RAG neu erfunden

Nach drei Jahren mit dem Ex-Wirtschaftsminister an der Spitze ist der Energiekonzern fit für den Börsengang – dafür fehlt nur noch der Kohlekompromiss

Alfons Frese/Nils-Viktor Sorge

Werner Müller hat die RAG, an deren Spitze er seit 2003 steht, komplett umgekrempelt. Aus einem trägen Apparat, geprägt vom jahrzehntelangen Einfluss der Politik, hat der Schöngeist Müller, der am liebsten am Klavier sitzt und ansonsten den ganzen Tag über Bach hört, einen richtigen Konzern gemacht. Nicht nötige Geschäftsbereiche wurden verkauft, andere mit dem Ziel der Stärkung des Kerngeschäfts Chemie und Energie gekauft.

Müllers Strategie ist allerorten anerkannt, weil dadurch dem Konzern eine industriepolitische Perspektive eröffnet wurde – ohne die Kohle. „Müller war das Beste, was dem Konzern passieren konnte“, heißt es im Düsseldorfer Wirtschaftsministerium, wo unter Ministerin Christa Thoben eigentlich nicht sonderlich viele Müller-Freunde zu finden sind. Wie überhaupt eher weniger in der Ruhrwirtschaft als mehr in kulturellen Kreisen. Mit Eigenmächtigkeiten und etwas Arroganz hat Müller die anderen Ruhrfürsten eher verärgert. Dagegen ist er der Held des Initiativkreises Ruhrgebiet, wo es um Kultur geht und das Sponsoring der schönen Künste.

In diesen Tagen steht für Werner Müller so ziemlich alles auf dem Spiel, wofür er die vergangenen Jahre gekämpft hat. Der geplante Börsengang der RAG ist sein Lebenswerk. Auch wenn der 60-Jährige für so viel Pathos nicht der Typ ist. „Wir machen ’nen Börsengang“, hatte der RAG-Chef bald nach seinem Amtsantritt seinen Leuten eröffnet. Wahrscheinlich huschten auch da die Worte in nüchterner Stimmlage über die Lippen – als gehe es um einen Garagenumbau unter der Konzernzentrale und nicht um die Zukunft von 100 000 Mitarbeitern, darunter rund 33 000 Steinkohle-Kumpels. Seine Kontakte in die Politik hatten ihn für den Job als Chef der RAG qualifiziert, ebenso sein kurzer Draht in die Zentralen der RAG-Aktionäre Thyssen-Krupp, Eon und RWE, für die er zum Teil vor seiner Zeit als Wirtschaftsminister tätig war.

Auf dem Weg an die Börse lässt sich Müller ungern anrempeln. Im Clinch liegt er mit dem Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) aus Essen, dessen Mitarbeiter unablässig für einen schnellen Ausstieg aus der Steinkohle plädieren. Müller muss das als eine Art Verrat an der Heimat empfunden haben. Jedenfalls kündigte der weitgehend von der RAG dominierte Gesamtverband des deutschen Steinkohlebergbaus seine langjährige Fördermitgliedschaft bei dem Institut.

Gibt es keinen Kohlekompromiss, dann wäre Müller gescheitert und ein neuer RAG-Chef müsste eine Alternative zu Müllers Strategie entwickeln. Doch gemach: Die Zauberformel aus Börsengang und Ausgliederung des Kohlebereichs in eine Stiftung hat ihre Kraft nicht verloren. Eigentlich sind alle dafür, und mit Hubertus Schmoldt, dem Chef der IG Bergbau, Chemie, Energie, ist der RAG-Chef schnell übereingekommen, dass ein endgültiges Bergbau-Ende ohne Kündigungen 2018 denkbar sei.

Doch dann zog Müllers alter Kabinettskollege Franz Müntefering alles wieder in Zweifel, als er vor tausenden Kumpels in Kamp-Lintfort im letzten Herbst ankündigte, die SPD werde einen langfristigen Rest-Bergbau mit zwei bis drei Zechen sicherstellen. Mittlerweile formuliert Müntefering selber seine Forderungen etwas zurückhaltender. Doch die im Revier schwer gebeutelte SPD witterte damals eine Chance, Ministerpräsident Jürgen Rüttgers mit der Kohle Paroli zu bieten. Auch zum Nachteil von Borussia Dortmund, die RAG ist der Trikotsponsor des Fußballclubs. Seit Beginn der Saison laufen die Schwarz-Gelben mit einem Ausrufezeichen auf der Brust herum. Das sollte längst ersetzt worden sein durch den neuen Namen des RAG-Teils, der an die Börse geht. Spötter haben Müller bereits gefragt ob er das Ausrufezeichen nicht durch ein Fragezeichen ersetzen wolle. Er soll geschnaubt haben.

Für Müller war die Berufung an die Spitze der RAG eine Heimkehr. Aufgewachsen ist er zwar teilweise im Emsland, doch in Essen geboren und später wieder in ein Mülheimer Reihenhaus gezogen. Als Manager bei den im Ruhrgebiet ansässigen Energiekonzernen RWE und der Eon-Vorgängerin Veba wurde Müller ein Mann mit guten Beziehungen zur Politik. Gerhard Schröder beriet er in Atomfragen. Als Wirtschaftsminister organisierte er den Atomausstieg und vermittelte zwischen den Stromkonzernen und dem Grünen Kabinettskollegen Jürgen Trittin. Doch der Berliner Politikbetrieb zog Müller nie so in den Bann, wie das Wirken in der Heimat. Müller spricht und versteht die Sprache des Ruhrgebiets. Die Bergleute vertrauen ihm.

Eigentlich hatte sich Müller nach seinem Ausscheiden als Bundeswirtschaftsminister vor gut vier Jahren schon auf einen ruhigen Lebensabend eingestellt – trotz seiner damals gerade 57 Jahre. Doch sein Börsen-Plan weckte seinen Hunger auf Neues. Das Vorhaben hat nicht nur seine Umgebung fasziniert, sondern auch ihn selbst. Weil es sinnvoll ist, dem Konzern Zukunft gibt – und weil es für ihn persönlich auch eine hübsche Perspektive bereithält. Müller würde sich an der Spitze der neuen Stiftung gut machen: als Förderer der schönen Künste und der kulturellen Profilierung des Ruhrgebiets. Weg vom Schmuddelimage des Potts und stattdessen mit Glanz Europas Kulturhauptstadt Essen feiern. Das würde ihm am Ende der Karriere passen.

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