„Multi-Jobber“ : Wenn ein Job nicht reicht

In Berlin arbeiten immer mehr Menschen zusätzlich zu ihrer regulären Arbeit, sagt eine Studie.

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Abgeschnitten. Friseure haben mit 4,22 Euro bis 6,24 Euro pro Stunde einen der geringsten Tariflöhne in Berlin. Foto: dpa
Abgeschnitten. Friseure haben mit 4,22 Euro bis 6,24 Euro pro Stunde einen der geringsten Tariflöhne in Berlin. Foto: dpaFoto: picture alliance / dpa

Den Ruf als Stadt der Aufstocker und der prekären Arbeit hat Berlin ohnehin, die Teilzeitquote ist hoch, 215 000 Menschen arbeiten in Minijobs. Eine neue Studie zeigt nun, dass für immer mehr Menschen in der Hauptstadt ein Job zum Leben nicht reicht. Knapp 70 000 Berufstätige arbeiteten im vergangenen Jahr zusätzlich zu ihrer regulären Beschäftigung in einem Minijob; 2003 waren es noch gut 27 000. Das geht aus einer Studie des Pestel-Instituts in Hannover im Auftrag der Gewerkschaften Verdi und NGG hervor. „Blickt man zehn Jahre zurück, so hat es eine Zunahme von mehr als 158 Prozent gegeben“, sagte Studienautor und Instituts-Chef Matthias Günther. Das ist der höchste Anstieg unter allen Bundesländern.

Auch bundesweit ist der Trend sichtbar: Die Anzahl der so genannten „Multi-Jobber“ mit zwei oder mehr Arbeitsverhältnissen hat sich in Deutschland in den vergangenen zehn Jahren mehr als verdoppelt: von 1,15 auf 2,57 Millionen.

Warum die Menschen mehrere Jobs machen und in welchen Branchen das besonders häufig vorkommt, lässt sich aus den Daten nicht ableiten. Wohl aber, dass der Trend in Deutschland zur Teilzeitbeschäftigung geht. „Während die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten kräftig zulegt, haben die durchschnittlichen Wochenarbeitsstunden abgenommen“, erklärt Günther. Viele Menschen, so meint der Wissenschaftler, fänden keine Vollzeitstellen und müssten sich durch weitere Jobs absichern.

Obwohl Berlin den stärksten Anstieg der Multi-Jobber verzeichnet, liegt die Stadt insgesamt eher im niedrigen Bereich. Knapp sechs Prozent aller Beschäftigten haben hier mehrere Jobs (siehe Grafik) – deutlich weniger als etwa in Baden-Württemberg. Das Land kommt der Studie zufolge auf einen Spitzenwert von knapp zehn Prozent, gefolgt von Bayern. „Diese Regionen sind extrem teuer“, sagt Studienautor Günther. „Hier halten die Löhne oftmals nicht mit den steigenden Mieten und Preisen mit.“ Zudem, erklärt der Ökonom, sei das Jobangebot in Berlin und anderen ostdeutschen Ländern kleiner als im Westen. Derzeit ist der Anteil der Multi-Jobber in den alten Ländern fast doppelt so hoch wie in den neuen.

Dass die Zahl der Menschen mit mehreren Jobs in Berlin so stark steigt, wundert die Gewerkschaften nicht. „In der Hauptstadt verdienen rund 400 000 Menschen weniger als 900 Euro netto“, klagt Dieter Pienkny, Sprecher des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) in Berlin und Brandenburg. Vor allem im Handel, in der Gebäudereinigung, bei den Sicherheitsdiensten, in der Gastronomie aber auch bei Friseuren würden häufig nur Niedriglöhne gezahlt. Auch die Gewerkschaft Verdi kritisierte die Unternehmen in der Stadt: „Auf der einen Seite werden Stundenlöhne bezahlt, die im Keller sind. Auf der anderen Seite steigen die Lebenshaltungskosten“, sagte die Berliner Bezirksgeschäftsführerin Susanne Stumpenhusen.

Die Gewerkschaften fordern daher einen bundesweiten Mindestlohn von 8,50 Euro pro Stunde, für den sich auch Berlins Arbeitssenatorin Dilek Kolat (SPD) ausspricht. Er werde derzeit von der Bundesregierung blockiert und sei „längst überfällig“, sagte sie dem Tagesspiegel. Zugleich versprach die Senatorin, gegen Unternehmen vorzugehen, die Dumpinglöhne zahlten. „Wir werden in Berlin künftig noch stärker die Arbeitgeber verfolgen, die ihre Angestellten sittenwidrig bezahlen“, sagte Kolat. Es könne nicht sein, dass Menschen zwei Jobs bräuchten, um ihr Existenzminimum zu verdienen.

Die Unternehmensverbände Berlin- Brandenburg (UVB) halten dagegen. Allein die Zahl der im Nebenjob geringfügig Beschäftigten beweise noch lange nicht, „dass es sich um Personen handelt, die das materiell nötig haben“, sagt Verbandssprecher Frank Hufnagel. Mehrfachverdiener seien eher unter Mittel- und Hochqualifizierten zu finden.

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