Wirtschaft : Musterfall Neuer Markt: Kleinanleger proben den Aufstand

Catherine Hoffmann

"Wenn ich einen Porsche kaufe, in dem ein Käfer-Motor eingebaut ist, kann ich doch zum Händler gehen und sagen: Hallo, das ist Betrug! Ich will mein Geld zurück!", sagt Frank Planeck, um seinen Fall auch für die Begriffsstutzigen greifbar zu machen. "An der Börse geht das nicht." Der gelernte Fleischermeister, der sonst so besonnen ist, redet sich in Rage. "Das leuchtet mir nicht ein."

Planeck hat Geld an der Börse verloren. Viel Geld. Mit der Aktie des kleinen Softwareherstellers Infomatec. Im Sommer 1999 wurde das Augsburger Unternehmen als "neue Microsoft" gefeiert. Es war die Blütezeit der New Economy. Die Hysterie um Internet- und Technologieaktien, die über Nacht riesige Gewinne versprachen, war nicht zu bändigen. Die am Neuen Markt, dem Börsensegment für hoffnungsvolle Wachstumwerte, notierte Infomatec tönte damals vom "entscheidenden Schritt in Richtung Marktführerschaft". Es ging um so genannte "Surfstations", die den Nutzern via Fernsehen bequemen Zugang zum Internet ermöglichen sollten. In den Zeiten der Internet-Euphorie klang das nach der ganz großen Zukunft. Infomatec beherrschte die Klaviatur perfekt: "Der Softwarekonzern ist auf dem besten Weg, innerhalb der nächsten fünf Jahre eines der größten Software- und Systemhäuser der Welt zu sein", jubelte Vorstand Gerhard Harlos noch 1999.

Beeindruckt kauften viele Privatanleger die Aktie. Auch Frank Planeck. 90 946 Mark berappte er für die Papiere. Den Ausflug in die Zukunft hat er teuer bezahlt. Heute sind seine Aktien noch gut tausend Mark wert - ein Verlust von 99 Prozent. Jetzt will er sein Geld zurück - und nicht nur er. Mit ihm proben hunderte enttäuschter Kleinaktionäre den Aufstand. Nach den herben Kursverlusten bei Infomatec & Co. zerren die Aktionäre die eigenen Unternehmen vor Gericht und fordern Schadenersatz. Auf Straf- und Zivilgerichte rollt eine gewaltige Klagewelle zu. Der Gesamtschaden wird auf mehrere hundert Millionen Mark geschätzt. Allein der Münchener Anwalt Klaus Rotter vertritt im Fall Infomatec 140 Mandanten, die einen Schaden von 4,2 Millionen Mark reklamieren. Sein Musterfall heißt Frank Planeck.

Wahnsinn mit Methode

Infomatec war die erfolgreichste Neuemission des Jahres 1998. Der Kurs des IT-Spezialisten schnellte von nicht einmal zehn Euro bis auf 63,60 Euro am 16. Februar 1999 hoch - ein Gewinn von mehr als 500 Prozent. Dieser Kurs wurde später nie wieder erreicht. Der Wahnsinn an der Börse hatte Methode. Als der Preis der Aktie im Frühjahr 1999 auf rund 30 Euro abgebröckelt war, überschritten Gerhard Harlos und Alexander Häfele, die beiden Vorstände von Infomatec, vermutlich die feine Linie zwischen Trickserei und Betrug. Die beiden Gründer prahlten plötzlich mit prall gefüllten Auftragsbüchern und heizten so den Aktienkurs an. Angeblich habe die Telefongesellschaft Mobilcom 100 000 so genannter Surfstations samt Software-Lizenzen im Wert von 55 Millionen Mark geordert, heißt es in einer Ad-hoc-Mitteilung vom 20. Mai 1999.

Die frohe Botschaft vom "größten Deal der Firmengeschichte" weckte das Interesse von Planeck. Seine Begeisterung für das interaktive Fernsehen wurde angefeuert, als Infomatec auf der Hauptversammlung am 24. Juni 1999 angeblich eigene Surfstations aus dem Mobilcom-Auftrag präsentiert. In Wahrheit waren dies jedoch Geräte des Herstellers Schneider, die von Mitarbeitern der Marketing-Abteilung mit Aufklebern der Infomatec AG versehen wurden. Planeck, der davon nichts wusste, fühlte sich bestärkt: "In zehn Jahren sitzen wir vor dem Fernseher und dürfen alle mal klicken." Der Hobbyaktionär machte sich bei Banken schlau. "Überall habe ich positive Rückmeldungen bekommen." Auf dem Nachrichtenkanal n-tv waren die Analysten voll des Lobes. "Renommierte Banken wie Merck Finck, Delbrück und die Dresdner empfahlen die Aktie zum Kauf", sagt Planeck. Am 28. Juli 1999 orderte der Fleischermeister 1150 Aktien zum Kurs von 40 Euro. "Das war ein erheblicher Teil meiner Anlagesumme."

Der Infomatec-Vorstand legte nach. Am 13. September 1999 wird in einer Ad-hoc-Mitteilung von einem weiteren "Mega-Deal" im Wert von 55 Millionen Mark berichtet. Mit stolzgeschwellter Brust verkündeten die beiden Firmenchefs immer neue Großaufträge im Gesamtwert von 160 Millionen Mark. Sie lieferten Nachrichten, die Anleger und Analysten nur zu gern hörten. In der letzten Sendung der 3 Sat Börse des Jahres 1999 äußert sich Horst Frey, Analyst bei Kant Vermögensmanagement, positiv über die Aktie. Bis Februar 2000 kletterten die Notierungen auf 50 Euro. Noch im März 2000 kommt das Bankhaus Delbrück in einer Studie zu der Erkenntnis, dass Infomatec um 50 Prozent unterbewertet sei. Doch der Kurs hat seinen Zenit überschritten.

Der Verdacht liegt nahe, dass sich Harlos und Häfele mit dem Geld der Kleinsparer die eigenen Taschen gefüllt haben. Sicher ist jedenfalls, dass beide Ende Januar und Anfang Februar 1999 jeweils 62 500 Infomatec-Aktien abgestoßen haben - beinahe zu Höchstkursen. Den Anwälten zufolge strichen die Vorstände durch rechtzeitige Aktienverkäufe je 30 Millionen Mark ein. Der Kurs der Papiere geriet ins Rutschen, wohl nicht zuletzt durch die Verkäufe der Chefs. "Auf der Hauptversammlung im Mai 2000 ging es dann richtig zur Sache", erinnert sich Planeck. "Nach einer Umsatzwarnung war die Lage desolat." Der Kurs fiel auf 20 Euro. Der Analyst von Delbrück, an den sich Planeck wandte, beschwichtigte: Der Preis werde sich wieder bis auf 30 Euro erholen. Dann würden viele Kunden der Bank aussteigen.

Planeck hält die Papiere bis heute. Das war ein Fehler. Ein Jahr später, Anfang Mai 2001, stellte Infomatec Insolvenzantrag. Die Aktie brach auf 52 Cents ein, als die Anleger massenweise aus dem Papier flohen.

Luftnummern statt Großaufträge

Die großspurig in Ad-hoc-Mitteilungen angekündigten Großaufträge stellten sich als Luftnummern heraus. Ende August distanzierte sich das Unternehmen in einer Ad-hoc-Mittleilung erstmals von seinen vorherigen Angaben. Statt der versprochenen 100 000 Stück, hatte Mobilcom nur 14 000 Boxen geordert, die später wegen technischer Probleme zurückgenommen werden mussten. Die übrigen Aufträge fielen ganz ins Wasser. Das Vertrauen war futsch. Im September 2000 kündigten die Infomatec-Gründer Harlos und Häfele an, ihre Vorstandsmandate bis zum Jahresende niederzulegen. Zwischen Juli und September überschrieben sie noch Immobilienvermögen an Dritte. Die Staatsanwaltschaft ermittelt seit Anfang 2000 gegen das Duo wegen des Verdachts auf Kursmanipulation und Insider-Geschäfte. Planeck wandte sich an die Kanzlei Rotter, Experten in Fragen des Wertpapierrechts. Dort füllen die Ordner mit den Briefen geprellter Infomatec- und EM.TV-Aktionäre die Regale. Fast täglich rufen frustrierte Anleger an. Die wollen nur eines wissen: Bekomme ich mein Geld zurück?

Bislang gab es in Deutschland keinen Fall, in dem einem Investor nach dem plötzlichen Kurssturz seiner Aktie der Schaden ersetzt wurde. Deshalb geht es bei Infomatec nicht um einen Einzelfall, es geht um eine Grundsatzentscheidung. Anwalt Rotter sieht das IT-Unternehmen als Beispiel dafür, "wie sich Vorstände von einem am Neuen Markt notierten Unternehmen durch gezielte Falschmeldungen persönlich bereichern und Anleger schädigen". Der Jurist reichte am 28. November vergangenen Jahres eine Klageschrift gegen Infomatec ein. Dort gibt man sich gelassen. Infomatec-Sprecher Jürgen Schulze sagt: "Dass Fehler gemacht wurden, ist klar. Ob die strafrechtlich interessant sind, ist eine andere Frage." Im Übrigen schadeten sich die Aktionäre selbst, wenn sie gegen das eigene Unternehmen klagten.

Die Staatsanwaltschaft sorgte dafür, dass die beiden Vorstände im November hinter Gitter kamen. Anfang Mai diesen Jahres wurden die Beschuldigten gegen Zahlung einer Kaution von jeweils 750 000 Mark freigelassen. Ihre Depotunterlagen liegen inzwischen auf dem Schreibtisch des Augsburger Staatsanwalts. Harlos und Häfele müssen für die fehlerhaften Ad-hoc-Mitteilungen voraussichtlich persönlich haften. Rund 40 Millionen Mark aus ihrem Privatbesitz wurden beschlagnahmt, damit im Falle des Schadenersatzes noch genügend Geld da ist. Ein erster Teilerfolg. Doch bis zu einem Urteil der letzten Instanz dürften noch Jahre vergehen. Zu viel steht auf dem Spiel. "Mit dem Verfahren wird juristisches Neuland betreten", sagt Anwalt Rotter. Die Frage ist, ob Anleger für Kursverluste, die aus unzutreffenden Ad-hoc-Mitteilungen entstanden sind, entschädigt werden müssen. Von Bedeutung ist ein solcher Anspruch auch für die Diskussion, ob das vierte Finanzmarktförderungsgesetz, das im Juni vorgestellt wird, die Rechte von Anlegern stärken muss. Das Wertpapierhandelsgesetz jedenfalls, das Unternehmen zur unverzüglichen Veröffentlichung kursrelevanter Tatsachen verpflichtet, schließt Regressansprüche bei Verstößen ausdrücklich aus.

Anwalt sieht "sehr gute Erfolgschancen"

Deshalb stützen sich die Anwälte der Anleger auf das Bürgerliche Gesetzbuch. Paragraf 826 verpflichtet bei "vorsätzlichen sittenwidrigen Schädigungen" zum Schadenersatz. Das Problem: Jeder Anleger muss individuell nachweisen, dass eine fehlerhafte Ad-hoc-Meldung Ursache für den Aktienkauf war. "Im Fall Planeck ist das sonnenklar", sagt Rotter. "Unsere Erfolgschancen sind sehr gut." Die Anwälte der Gegenseite schätzen die Lage freilich anders ein. "Die Ad-hoc-Mitteilungen waren nicht unrichtig", betont Emanuel Beierlein, der Harlos vertritt. Schließlich sei dort ausdrücklich auch von "Rahmenabkommen" die Rede gewesen. Daran hätte der "bilanzkundige Leser" erkennen können, dass es sich nicht um sichere "Aufträge" handelte. Im Übrigen sei später "berichtigt worden, was zu berichtigen gewesen ist". Schwierig sei auch die Frage der Kausalität. Haben neben den Firmen-Mitteilungen nicht auch Investmentstudien und Medienberichte die Kaufentscheidung beeinflusst? Aus gutem Grund habe der Gesetzgeber die Haftung für falsche Ad-hoc-Meldungen ausgeschlossen, sagt Ulrich Hartel, Anwalt von Infomatec. Sonst würde der Gesetzgeber rebellischen Anlegern Tür und Tor für Klagen öffnen.

Mit der sich zusehends wilder gebärdenden Schar von Anlegern, die begierig wissen wollten, welche Aktien gerade "heiß" waren, und blindlings alles kauften, was "in" war, will Frank Planeck nichts zu tun haben. "Ich war nicht blauäugig", betont der 40-Jährige. "Ich wusste, dass es an der Börse auch abwärts gehen kann." Womit er allerdings nicht gerechnet habe, sei betrogen zu werden. "Ich bin bewusst abgezockt worden. Das ärgert mich am meisten", sagt der Aktionär, der sich als selbst erfolgsverwöhnt bezeichnet. Verbittert ist er dennoch nicht. Planeck hat bereits ein neues Projekt gestartet: Er schreibt ein Buch. Über Infomatec.

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