Wirtschaft : Nach der Abgabe von AOL Europe ist die Kasse mit rund 75 Milliarden Mark gut gefüllt

Der Gütersloher Medienkonzern Bertelsmann sieht sich durch den bevorstehenden Verkauf der Anteile an AOL Europe sowie der restlichen Bertelsmann-Beteiligung an AOL (0,7 Prozent) nun auch für große Firmenübernahmen gerüstet. "Zusammen mit den Erlösen aus dem Verlauf der Anteile an AOL Inc. können wir rund 18 Milliarden Mark erreichen", sagte der Vorstandsvorsitzende der Bertelsmann AG, Thomas Middelhoff der "Welt am Sonntag". "Weil wir darauf dann auch noch Fremdkapital setzen können, haben wir die Möglichkeit, für rund 75 Millarden Mark einkaufen zu gehen", fügte er hinzu. Dies sei eine schöne Perspektive.

Da die Ausübung der Verkaufsoption in Stufen erfolgt und AOL den Rückkauf der Anteile erst nach Januar 2002 bezahlen will, rechnet Middelhoff zudem damit, die Option zu beleihen: "Sollten wir vorher Geld brauchen, beleihen wir unsere Option." Die vereinbarte strategische Partnerschaft zwischen Bertelsmann und AOL im Internet kostet den deutschen Medienkonzern zunächst erst einmal 140 Millionen Mark. "Beide leisten etwas. Die Vereinbarung hat ein Volumen von mindestens 250 Millionen Dollar. Für uns heißt das: 70 Millionen investieren wir sofort in Promotion bei AOL".

Durch den Kapitalzufluss will Middelhoff vor allem einen Ausbau des Buch- und Musik-Geschäfts finanzieren. "Bei den Buchverlagen etwa haben wir noch Lücken in der spanischsprachigen Welt, in Frankreich, Italien und Asien", sagte der Bertelsmann-Chef. Zum Musik-Geschäft, in dem BMG unter den vier Majors das Schlusslicht bildet, sagte er: "Wir möchten das verbessern. Dies geht durch eine große Firmen-Übernahme und/oder eine Stärkung im Internet."

Bertelsmann hatte 1995 für 75 Millionen Mark fünf Prozent an AOL Inc. erworben. Zum Aufbau der Geschäfte sowie für AOL Europe investierten die Gütersloher nach eigenen Angaben 520 Millionen Mark. Über einen Rückzug von Bertelsmann aus dem Joint Venture war seit der Übernahme von Time Warner durch AOL bereits seit längerem spekuliert worden.

Von internationalen Beobachtern wurde der Ausstieg von Bertelsmann und der Rückkauf der AOL-Europe-Anteile durch AOL unterschiedlich beurteilt. US-Analysten werten den Rückkauf als Zeichen dafür, dass sich AOL stärker in Europa engagieren will. Youssef Squali, Internet-Analyst bei ING Barings hält den Rückkauf für klug: "Europa ist der am schnellsten wachsende Internet-Markt. Es ergibt keinen Sinn, wenn 50 Prozent des Unternehmens dort einem Konkurrenten gehören", betont er.

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