Wirtschaft : "Nach der Sommerpause kommen die Herbststürme"

Anleger brauchen derzeit starke Nerven.Die Finanz- und Währungskrisen in Asien und Rußland stürzen die deutsche Börse in Turbulenzen.Wie tief rutschen die Kurse? Wie sollten sich Anleger verhalten? Henrik Mortsiefer fragte Ulrich Hocker, Hauptgeschäftsführer der DSW (Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz e.V.).

TAGESSPIEGEL: Herr Hocker, wie lange wird die Talfahrt an der Börse dauern?

HOCKER: Wir stehen am Anfang einer sehr sensiblen Zeit.Nach der Sommerpause werden die Herbststürme kommen.Der Markt wird volatiler.

TAGESSPIEGEL: Müssen sich deutsche Anleger auf weitere Rückschläge im Gefolge der Asienkrise einstellen?

HOCKER: Wir müssen zur Kenntnis nehmen, daß auch einige deutsche Unternehmen von der Krise in Asien betroffen sind.Aber ich glaube, wir reden uns einen Großteil der derzeitigen Dramatik selbst herbei.Viele Unternehmen, deren Aktienkurse jetzt in den Keller gehen, sind gar nicht von der Krise betroffen.Die Stimmung in der Industrie ist viel besser als die Kursverluste jetzt suggerieren.Und: Zu viele Anleger lassen sich von Horrorszenarien beeindrucken.

TAGESSPIEGEL: Wie sollten sich Kleinanleger verhalten?

HOCKER: Ruhe bewahren! Anleger, die im vergangenen Jahr eingestiegen sind und mit ihren Papieren noch deutlich im Plus liegen, sollten über einen Verkauf nachdenken.Im Herbst werden wir wieder günstige Einstiegskurse bekommen.Wer allerdings jetzt schon unter die Einstiegskurse gerutscht ist, sollte seine Aktien weiter halten.Im Frühjahr wird die Stimmung umschlagen.

TAGESSPIEGEL: Viele Kleinanleger, die beim Telekom-Börsengang zum ersten Mal Aktien gekauft haben, haben Kursverluste dieses Ausmaßes bislang noch nicht erlebt.Glauben Sie, daß die gerade erst entstehende Aktienkultur in Gefahr ist?

HOCKER: Nein, nicht wirklich.Die meisten Einsteiger haben ja auch noch gar keine Verluste eingefahren.Der Dax steht immerhin noch bei rund 5400 Punkten.Und Telekom-Aktionären geht es bei einem aktuellen Kurs von 48 DM ja auch nicht schlecht.

TAGESSPIEGEL: Besonders üppig fielen die Zuwächse am Neuen Markt aus.Droht jetzt der große Crash?

HOCKER: Der Neue Markt wird jedenfalls stärker schwanken als die anderen Börsensegmente.Das Engagement auf diesem Innovationsmarkt zeigt, daß private Anleger auch in Deutschland bereit sind, hohe Risiken einzugehen.Das ist zunächst einmal zu begrüßen.Die Frage ist, ob die zum Teil astronomisch hohen Kurse für alle Unternehmen berechtigt sind.Wenn etwa Mobilcom so hoch bewertet wird wie der Karstadt-Konzern, dann scheint in der Aktie zu viel Luft zu sein.Anlegern empfehle ich, ihre Kauforder immer zu limitieren, sich gut zu informieren und das Investment langfristig anzulegen.

TAGESSPIEGEL: Vor allem Kleinanleger beklagen, daß sie bei Neuemissionen oft leer ausgehen.

HOCKER: Die Anleger sollten bereit sein, ihre Macht als Verbraucher einzusetzen.Wer bei seiner Hausbank nicht zum Zuge kommt, sollte das Institut wechseln und zu der Bank gehen, die die Emission durchführt.

TAGESSPIEGEL: 1997 war für Dividenden-Empfänger ein Rekordjahr.Zieht da noch Ihre Kritik an der Ausschüttugs-Politik der Unternehmen?

HOCKER: Die Kritik ist in der Tat etwas leiser geworden.Es sind allerdings vor allem die Großkonzerne, die etwas für ihre Aktionäre tun.Die Dividendenzahlung der kleinen und mittleren Gesellschaften lassen durchaus zu wünschen übrig.

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