Nachfrageboom : Die dunkle Seite des Sonnenstroms

Die Solar-Förderung ist erst nach langer Debatte reduziert worden. Der Nachfrageboom zeigt nun unerwünschte Nebenwirkungen.

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Berlin - Claus-Jürgen Schade, ein Rentner aus Berlin-Frohnau, konnte es kaum erwarten. Mitte Juni war seine neue Solaranlage auf seinem Hausdach montiert, auch der nötige Stromzähler und Wechselrichter, der den sonnigen Gleichstrom in Wechselstrom wandelt, funktionierten. So konnte Schade innerhalb des ersten Monats rund 1200 Kilowattstunden ins Niedrigspannungsnetz des Energiekonzerns Vattenfall einspeisen. Der muss ihm dafür nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) eine Vergütung von 39,14 Cent je Kilowattstunde zahlen, in der Summe also fast 500 Euro – und mit jedem Sonnentag stieg die Summe an. Doch lange passierte nichts.

Vattenfall kam nicht hinterher mit all den Anträgen der neuen Solarstromproduzenten. Zwar hat Schade mittlerweile sein Geld bekommen. Gleichwohl befinden sich dem Unternehmen nach immer noch 650 Anträge in der Bearbeitung – allein aus Berlin.

Und Vattenfall ist kein Einzelfall. Bundesweit ist die Nachfrage nach Solaranlagen und damit die Zahl der Anträge rasant angestiegen: Die Bundesnetzagentur registrierte allein im Juni 50 000 Anträge, im ersten Halbjahr waren es insgesamt 135 000 – fast so viele wie in zwölf Monaten des Jahres 2009. Da waren es rund 160 000. Insgesamt wurden seit Januar Solarmodule mit einer theoretisch möglichen Spitzenleistung von mehr als drei Gigawatt in Deutschland neu installiert – im gesamten bisherigen Rekordjahr 2009 waren 3,8 Gigawatt.

Dieser Nachfrageboom, der die Anlagenbauer und Montagebetriebe freut, begann im Winter nach dem Regierungswechsel: Union und FDP hatten die Absicht formuliert, die EEG-Fördersätze für Solarstrom deutlich zu kürzen. Der fürs EEG zuständige Umweltminister Norbert Röttgen (CDU) begründete dies mit dem Verbraucherschutz. Da die im Gesetz geregelte Einspeisevergütung über eine Umlage von allen Stromkunden bezahlt wird, steigen die Strompreise mit der Zahl neu angeschlossener Solaranlagen. Die Verbraucherzentralen hatten Kürzungen um 30 bis 40 Prozent gefordert, da die Preise für Anlagen in den vergangenen Jahren stark gesunken sind und die (meist überdurchschnittlich vermögenden) Betreiber von Solaranlagen Renditen von sieben bis über zehn Prozent über 20 Jahre garantiert erwirtschaften – auf Kosten aller Stromkunden.

Im März legte Röttgen einen konkreten Gesetzentwurf vor, der außerplanmäßige Kürzungen der Sätze um durchschnittlich 16 Prozent vorsah. Und dann passierte das, wovor der Minister gewarnt hatte: Sein Entwurf wurde in den folgenden Monaten zerredet, verwässert und seine Umsetzung verzögert. Vor allem der von der Solar-Lobby beeinflusste Koalitionspartner FDP vereitelte stärkere Kürzungen. Aber auch führende SPD-Politiker wetterten gegen die Kürzungspläne. Die Hängepartie sorgte dafür, dass sich immer mehr Eigenheimbesitzer wie Rentner Schade auf den Weg zum Solardach-Fachhändler machten, um noch von den alten Bedingungen zu profitieren. Kaum waren all ihre Anlagen betriebsbereit, meldeten sie sich bei ihren örtlichen Stromnetzbetreibern.

So hat bei der RWE-Tochter EnviaM, die große Teile des Niederspannungssnetzes in Brandenburg, Sachsen und Sachsen-Anhalt betreibt, die Zahl der Anfragen zum Anschluss von Fotovoltaikanlagen bereits im ersten Halbjahr dieses Jahres die Anzahl des gesamten Vorjahres überschritten. „Alle Anfragen werden zeitnah bearbeitet. Zu Stoßzeiten kann es auch zu geringen Verzögerungen kommen“, sagt EnviaM- Sprecherin Claudia Anke.

Laut Schätzungen der Deutschen Umwelthilfe haben Solaranlagen in den Mittagsstunden diesen Juli vermutlich schon mehr als 10 000 Megawatt ins deutsche Netz gespeist. Das stößt damit an seine Grenzen, da es für gleichmäßig laufende Grundlastkraftwerke ausgelegt ist. Vor allem im Freistaat Bayern, der wegen seiner Größe, seiner Lage und dem relativ hohen Anteil an Eigenheimbesitzern Solarstrommeister aller Bundesländer ist, hat der Netzbetreiber Eon laut Brancheninsidern mittlerweile große technische Probleme, den Sonnenstrom im Netz auszupendeln. Dazu mochte sich Eon Bayern auf Anfrage aber nicht äußern.

Vor vier Wochen schließlich einigte sich die Regierung auf ein Gesetz, das rückwirkend seit dem 1. Juli gilt. Demnach fallen die Kürzungen aber deutlich milder aus als von Röttgen geplant: in Schritten bis zum 1. Oktober um elf bis 16 Prozent. Seit dem Regierungsantritt wird dann ein volles Jahr vergangen sein.

In dieser Zeit stieg mit der Zahl der installierten Solaranlagen vor allem die Verwirrung bei potenziellen Solarstromerzeugern. So berichtet Sebastian Lovens, Leiter der unabhängigen „Clearingstelle EEG“, die im Auftrag des Umweltministeriums in Streitfällen vermitteln soll, von zahlreichen Anfragen. Dabei geht es häufig um Probleme, für die sich bisher nur Spezialisten interessieren mussten.

Unterm Strich ist der Einbau einer Solaranlage weiter fast so lukrativ wie vor dem 1. Juli. Die Zeitschrift „Finanztest“ hält Anlagen wegen der nur zaghaften Kürzung für eine „erstklassige Kapitalanlage“. Mit Anlagen, die im zweiten Halbjahr 2010 installiert werden, könne man Renditen von fünf bis neun Prozent erzielen.

Doch potenzielle Solarstromerzeuger wissen nach dem Gerangel offenbar nicht mehr, was sie jetzt tun sollen. Im Juli, in dem die Förderkürzung endgültig vom Bundesrat abgesegnet wurde, registrierte die Kölner Quostatis GmbH, die Europas größtes Portal zur Vermittlung von Handwerkern und Dienstleistungen betreibt, einen Einbruch der Anfragen in der Sparte Fotovoltaik um 40 Prozent. Der Spagat der Regierung – eine Wachstumsbranche fördern und zugleich Stromkunden entlasten – ist bisher nicht gelungen.

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