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Oft sind es Vorurteile, manchmal Türschwellen, die es für Menschen mit Behinderung schwer machen, einen Job zu finden. Wie Vereine, Ämter und die Arbeitsagentur dabei helfen

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Modernisierer mit Handykap. Christophe Dreydemy hat als Leiter des Bereichs Technischer Einkauf mitgeholfen, die Mensa der TU umzubauen. Foto: Thilo Rückeis
Modernisierer mit Handykap. Christophe Dreydemy hat als Leiter des Bereichs Technischer Einkauf mitgeholfen, die Mensa der TU...

Wenn es richtig stressig wird, das Telefon ständig klingelt und eine Anfrage die nächste jagt, läuten bei Christophe Dreydemy die Alarmglocken. „Dann muss ich einen Gang runter schalten“, sagt er. Dann ist Panik im Verzug. Doch er hat inzwischen gelernt, damit umzugehen. Er schließt die Augen, atmet tief durch und konzentriert sich auf seinen Körper. Autogenes Training beruhigt sein Gemüt. So kommt er inzwischen ganz gut klar.

Dreydemy ist Leiter für den Bereich Technischer Einkauf des Berliner Studentenwerks. Er ist für den Umbau zum Beispiel von Uni-Mensen und Uni-Kitas zuständig, holt Angebote ein, vergleicht Preise, vergibt Aufträge, überwacht Bauarbeiten und macht die Endabnahme.

Sein Arbeitsplatz ist in keiner Weise besonders. Er hat keinen Schreibtisch, unter den sich ein Rollstuhl schieben lässt, und auch Türschwellen mussten für ihn nicht begradigt werden. Der 40-Jährige hat eine psychische Krankheit. Er leidet an Depressionen. Und auch wenn er damit nicht dem üblichen Bild eines Behinderten entspricht und körperlich gesund ist – gilt er als schwerbehindert. Und das hat Folgen für die berufliche Karriere.

Dreydemy ist gelernter Koch und leitete eine Cafeteria der Beuth Hochschule für Technik, als die Krankheit Ende 2003 ausbrach. Neun Monate musste er beruflich pausieren. Doch sein Arbeitgeber, das Studentenwerk Berlin, brachte viel Verständnis auf – und bot ihm eine weniger stressige, neue Position im Bereich Einkauf an. Das ist nicht gerade selbstverständlich. „In der Therapie konnte ich beobachten, dass viele Leidensgenossen ihren Job verloren“, sagt Dreydemy. Er selbst steht beruflich gut da. Seit September ist er Leiter von vier Mitarbeitern.

Sein Fall ist nicht die Regel. Wer behindert ist oder durch eine Krankheit oder einen Unfall eine Behinderung bekommt, findet nicht leicht einen Arbeitsplatz, an dem er seine Fähigkeiten einbringen kann. Das Berliner Studentenwerk gehört zur öffentlichen Verwaltung und ist in dieser Hinsicht ein besonderer Arbeitgeber. 16 Prozent der fast 850 Beschäftigten sind schwerbehindert oder schwerbehinderten Menschen gleichgestellt. Als schwerbehindert gelten Menschen mit einem „Grad der Behinderung“, einer Schwere der Beeinträchtigung also, ab 50 Prozent. Ab 30 Prozent greift unter bestimmten Umständen eine so genannte Gleichstellung mit Schwerbehinderten.

Vorgeschrieben ist eine Beschäftigungsquote schwerbehinderter Menschen von fünf Prozent, erklärt der Arbeitsrechtler Torsten Walter vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB). Tatsächlich sind bei privaten Unternehmen ab 20 Beschäftigten in Berlin im Schnitt 3,7 Prozent der Mitarbeiter schwerbehindert, in öffentlichen Einrichtungen sind es sieben Prozent. Erfüllt ein Unternehmen die Quote nicht, kann es sich mit einer monatlichen Abgabe zwischen 105 bis 260 Euro an das Integrationsamt „‚freikaufen“, erklärt Walter.

Um den beruflichen Wiedereinstieg zu erleichtern, gibt es Unterstützung von der Arbeitsagentur. Sie fördert die Eingliederung von Behinderten ins Arbeitsleben, indem sie zum Beispiel Eingliederungszuschüsse zahlt oder Probebeschäftigungen ermöglicht. 11 686 schwerbehinderte Menschen waren in Berlin im April 2011 arbeitslos gemeldet.

Auf Arbeitgeberseite gibt es viel Skepsis. „Viele Arbeitgeber meinen, dass Behinderte häufiger krank oder weniger leistungsfähig sind“, sagt Uwe Hoppe vom Berliner Behindertenverband. Der Verein repräsentiert Menschen mit körperlichen Behinderungen. Er versteht sich als Selbsthilfeverband und setzt sich für Arbeitsplätze für Behinderte außerhalb von Werkstätten ein.

Viele Arbeitgeber scheuen die Kosten eines behindertengerechten Arbeitsplatzes, sagt Hoppe: „Dabei werden diese zu einem Großteil vom Integrationsamt getragen.“ Wenn der Arbeitsvertrag mindestens zwölf Monate läuft, finanziert das Amt die komplette Einrichtung eines behindertengerechten Arbeitsplatzes, vom „unterfahrtauglichen“ Schreibtisch bis zum Umbau von Schränken und Regalen auf Rollstuhlfahrerhöhe.

„Ich habe großes Glück, dass ich eine Arbeit gefunden habe, die zu meiner Qualifikation passt“, sagt Bettina Unger vom Bildungsträger Life e.V. Die Literaturwissenschaftlerin sitzt seit elf Jahren im Rollstuhl. Sie ist bei dem Verein. für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig und arbeitet mit bei dem Projekt „Mit Kraft und Perspektive“, das behinderte Frauen mit Berufsausbildung beim Wiedereinstieg in die Arbeitswelt unterstützt. Zirka 20 Prozent der Teilnehmerinnen fanden nach den bisherigen Kursen einen Job, selten jedoch auf dem ersten Arbeitsmarkt. So stiegen einige Frauen etwa bei Beratungsstellen für Behinderte ein.

Für viele Teilnehmerinnen sei ein Minijob eine gute Alternative. „Menschen mit Behinderung haben oft einen hohen Energieaufwand, um sich in der Berufswelt zu bewegen. Es kommt ihnen entgegen, ihre Kräfte zeitlich begrenzt, gezielt und effektiv einzusetzen“, sagt Bettina Unger.

Christophe Dreydemy geht mit seiner Krankheit offen um, auch wenn er sie leicht verheimlichen könnte. „Meine Mitarbeiter und Vorgesetzten wissen, was mit mir los ist“, sagt er. Sollte er sich je bei einem anderen Arbeitgeber bewerben, würde er sagen, dass er an Depressionen litt – und sie wiederkommen können.

Rechtlich wäre er nicht verpflichtet, die Behinderung in der Bewerbung anzugeben. Arbeitsrechtler Walter sagt: „Man muss sich überlegen, ob man dem Arbeitgeber eine nicht offensichtliche Behinderung offenbart, denn möglicherweise schreckt er davor zurück, einen körperlich oder psychisch eingeschränkten Arbeitnehmer einzustellen.“ Wenn man im Vorstellungsgespräch danach gefragt werde, müsse man nicht wahrheitsgemäß darauf antworten – wenn man durch die Behinderung in seinen Aufgaben nicht beeinträchtigt sei.

Die Depression hat Christophe Dreydemy heute weitgehend im Griff: „In schwierigen Situationen oder wenn die graue Jahreszeit beginnt, muss ich auf mich aufpassen“, sagt er. Auf seinen Wunsch hin hat ihm sein Arbeitgeber eine stimmungsaufhellende Tageslichtlampe ins Büro gestellt.

Unternehmen greifen immer öfter

auf Leiharbeiter zurück

Die Zahl der Leiharbeiter steigt nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit kontinuierlich an. Hatte es Mitte 2003 bundesweit knapp noch 300 000 Leiharbeiter gegeben waren es bis zu Beginn der Krise Mitte 2008 rund 710 000 Leiharbeiter. In der Rezession brach die Nachfrage ein, Mitte 2009 waren es 531 000. Mit dem Aufschwung gab es wieder ein sattes Plus: Mitte 2010 zählte die Bundesagentur 707 000 Leiharbeiter. Ende des vergangenen Jahres waren es 743 000. Die aktuellen Werte liegen noch nicht vor, Schätzungen gaben für Februar 738 000 an. Damit liegt der Wert leicht über Vorkrisenniveau. Seit 1999 hat es vor allem einen stetigen Zuwachs bei Hilfspersonal und Dienstleistungen gegeben. Beide Zweige wuchsen von etwa einem Viertel Leiharbeitsanteil auf rund ein Drittel für das Jahr 2010: 34 Prozent Hilfspersonal und 31 Prozent Dienstleistung. dpa

Kellner müssen sich eine verrauchte Kneipe nicht gefallen lassen

Viele Kneipen sind trotz der Gesetze zum Nichtraucherschutz immer noch verqualmt – das müssen sich Kellner aber nicht bieten lassen. Verstößt der Arbeitgeber gegen die Vorschriften zum Nichtraucherschutz, dürften Beschäftigte sogar die Arbeit verweigern, erklärt der Arbeitsrechtler Jobst-Hubertus Bauer aus Stuttgart. Zuvor müssten Mitarbeiter den Arbeitgeber aber auf die Verstöße hinweisen und ihn als nächsten Schritt abmahnen. „Ob ich dazu raten würde, ist eine andere Frage“, schränkte der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Arbeitsrecht im Deutschen Anwaltverein ein. Ein Kellner habe in einem solchen Fall zwar Anspruch darauf, weiter bezahlt zu werden. In der Praxis seien die Kosten für das Eintreiben der Vergütung aber vermutlich höher als die Vergütung selbst, erklärte Bauer. Betroffene sollten zunächst besser mit dem Chef ein klärendes Gespräch führen – und sich so einigen. dpa

Erzieher und Floristen haben oft Ärger mit konservativen Kolleginnen

Männer in Frauenberufen haben häufig Probleme am Arbeitsplatz, wenn sie mit konservativen Kolleginnen zusammen arbeiten. Das hat eine Studie an der Universität Leipzig ergeben. Danach hatten nur 36 Prozent der Männer Konflikte am Arbeitsplatz, die mit Frauen zusammenarbeiteten, nach deren Überzeugung Männer und Frauen gleichberechtigt sind. Bei den Männern, die Kolleginnen mit traditionellem Geschlechterbild hatten, klagten dagegen 48 Prozent über soziale Konflikte, wie die Psychologin Sonja Sobiraj beobachtete. Befragt wurden 213 Männer, die in Berufen arbeiten, in denen der Männeranteil unter 20 Prozent liegt. Interviewt wurden Alten- und Krankenpfleger, Erzieher, Grund- und Förderschullehrer, Floristen und Friseure. dpa

Hauptschüler können kaum mit ihrer Persönlichkeit punkten

Hauptschüler brauchen gute Noten, um einen Ausbildungsplatz zu bekommen. Das geht aus einer repräsentativen Studie hervor, die das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) veröffentlicht hat. Demnach können Hauptschüler entgegen der Aussagen vieler Firmen kaum mit ihrer Persönlichkeit punkten. Etwas anders sieht es bei Realschülern aus. Bei ihnen achten Personaler neben guten Noten auch auf so genannte Soft Skills. Wer von ihnen einen verlässlichen Eindruck macht, kann manche schlechte Note wieder wettmachen. Für die Studie wurden die Daten von 500 Jugendlichen analysiert, die sich um Lehrstellen beworben haben.dpa

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