Wirtschaft : Nadja Zmija

Geb. 1975

Gregor Eisenhauer

Du lachst und wirst angelacht. So einfach ist das, ob in Palästina oder in Brasilien. Das Glück ist manchmal so verschwenderisch. Dann wächst man auf in Dahlem, wo die Stadt zugleich Dorf ist, wo kein übertriebener Luxus herrscht und keine sichtbare Armut.

Dann hat man Eltern, die weder zu autoritär sind, noch zu gleichgültig, die das Gespräch suchen, und den Zusammenhalt in der Familie, und die dennoch zur rechten Zeit loslassen können. Auch wenn ihnen die Vorstellung, dass ihre Teenager-Tochter allein mit Freundinnen durch Europa tourt, nicht so ganz geheuer ist. Dann hat man ein Meerschweinchen, um das man sich kümmern muss, und eine Schwester, mit der man sich zoffen kann, und die zugleich beste Freundin ist.

Der Weg ist so gerade. Sie geht einige Monate nach Amerika, noch zur Schulzeit, und lebt sich dort so selbstverständlich ein wie später in Frankreich. Miss Independence wurde sie von ihren Gasteltern getauft und gewarnt vor allen Gefahren der Straße. Und dennoch zog sie allein los. „So what?!“

Sie vertraute dem Leben. Du lachst und wirst angelacht. So einfach ist das, auf all ihren Reisen. Im brasilianischen Dschungel nicht anders als in Palästina.

Sie jobbte beim Vater in der Kanzlei noch während der Schulzeit und wusste genau, was sie werden wollte: Juristin.

Logisch denken, juristisch denken, heißt harmonisieren. Besser zwei Gewinner als ein Sieger und ein Verlierer.

Schon die Achtjährige ermahnte ihre jüngere Schwester, die sich kindlich naiv mit Gebrüll und Füßetrampeln durchsetzen wollte: „Lass das! So erreichst du nichts. Worauf es ankommt ist: Du musst ein klares Nein vermeiden!“

Sie bekommt während des Studiums die Chance, nach Grenoble zu gehen. Ihr Schulfranzösisch taugt anfangs gerade für den Urlaub, aber sie beißt sich durch, besteht ihre Examen.

In deutscher Robe vor französischen Gerichten. Da ist nicht nur sicheres Auftreten gefordert, sondern Eloquenz und ein gewisser Sinn fürs Pathos, auch wenn es nur um Schadensrechtsfälle geht. Augenzwinkernd genießt sie den Respekt ihrer Kollegen. Sie mag ihren Beruf, mit wachsender Kompetenz umso lieber, aber sie lässt sich nicht vereinnahmen. Als „Maître“ wird sie angesprochen vor Gericht, sie, die von der Figur her eher knabenhaft ist, und zugleich so ungekünstelt feminin, dass selbst ihr französischer Schneider vor ihr auf die Knie geht.

Alle Träume erfüllen sich. Sie findet den Mann, den sie liebt, einen sehr sanften Mann, und eine Wohnung im einst romantischsten Viertel von Paris.

Das Leben in der französischen Metropole gefällt ihr, trotz aller Hektik und Gewalt – aber da ist auch das Heimweh, das gut tut, weil sie weiß, sie kehrt in nicht ferner Zeit zurück nach Berlin. Denn dort, in der Heimatstadt, will sie ihre Familie haben, Kinder, die im Dahlemer Garten spielen können.

Dann diese Grippe, zum ersten Mal im Berufsleben krank: „Bleiben Sie zu Hause, kurieren Sie sich aus.“ Ihr Chef meint es gut mit ihr, seit sie ihm einmal den Kopf zurechtgesetzt hat, weil sie seine cholerischen Anfälle nicht erträgt.

Sie bleibt in der Wohnung. In dem wunderschönen Haus auf Montmartre, in dem Viertel Goutte d’or, Goldtropfen.

Unten, im Flur des alten Hauses, haben die Bewohner eine kleine Bibliothek eingerichtet, ein Tisch, ein Korbstuhl. Jeder, der ein Buch übrig hat, stellt es ins gemeinsame Regal. Die Decke im Treppenhaus ist bemalt wie ein Himmel, im Hinterhof Pflanzen, Blumen. Jeder im Haus kennt die anderen.

An manchen Wochenenden ist auf jedem Stockwerk Party, und es braucht viel Zeit, bis man hinaufkommt in den sechsten Stock.

Ein wunderschönes Treppenhaus, oval, aber sehr steil himmelwärts.

An diesem Tag ist ein Handwerker in einer Wohnung im dritten Stock mit Schweißarbeiten beschäftigt. Die Gasflasche explodiert, der Handwerker flieht, ohne die Feuerwehr zu rufen, und lässt alle Türen offen. Das Feuer frisst sich in den Flur.

Das Treppenhaus ist Kamin und Feuerholz zugleich. Die Flammen erreichen in rasender Geschwindigkeit die oberen Etagen, dringen in ihre Zimmer ein.

Nadja versucht, sich aus dem Fenster auf den zwei Stockwerke tiefer gelegenen Balkon zu retten, stürzt auf das Geländer und rutscht ab.

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