Neuer Betreiber : Kreuzberger Callcenter: Das Spiel beginnt von vorne

Wie schon das Kreuzberger Callcenter von Quelle bekommt auch Nachfolger Sykes öffentliche Hilfe – trotz anderer Ankündigungen.

David C. Lerch

Berlin - Als Holger Mandel den Konferenzraum in der Kreuzberger Charlottenstraße betritt, blickt er in bekannte Gesichter. Viele ehemalige Kollegen aus dem Quelle-Callcenter sind ebenfalls gekommen – auf Einladung der Bundesagentur für Arbeit (BA). In deren Räumen wirbt an diesem Donnerstag Mitte Februar der neue Mieter am alten Quelle-Standort in der ebenfalls in Kreuzberg gelegenen Zeughofstraße, der amerikanische Callcenter-Betreiber Sykes, für seine Pläne und um neue Mitarbeiter. Die ersten Gespräche werden mit den gerade entlassenen Leuten von Quelle geführt. Offenbar erfolgreich.

Ab diesem Montag beginnt Sykes, seine neue Mannschaft in der Zeughofstraße anzulernen. Zwei Wochen später stoßen zunächst 15 ehemalige Quelle-Mitarbeiter dazu, zahlreiche weitere wie der langjährige IT-Chef werden folgen. Sie kehren an den Arbeitsplatz zurück, den die letzten von ihnen erst Ende Januar verlassen haben. Im April will Sykes den regulären Betrieb aufnehmen, nach eigenen Angaben mit knapp 100 Beschäftigten.

Ihr Gehalt bekommt die alte Quelle-Belegschaft zunächst jedoch nicht vom neuen Arbeitgeber – sondern von der Arbeitsagentur. Die übernimmt über sogenannte Bildungsgutscheine die gesamten Kosten für die Qualifizierung der Mitarbeiter – drei Monate lang. In dieser Zeit beziehen die ehemaligen Quelle-Beschäftigen weiterhin Arbeitslosengeld I. Das sind rund 60 Prozent des letzten Bruttogehalts, zumeist etwa 800 Euro. Damit spart Sykes allein bei den ersten 15 Quelle-Mitarbeitern, die an ihren Arbeitsplatz zurückkehren, Löhne in Höhe von mehr als 50 000 Euro.

Das Vorgehen erinnert an Quelle. Als das Versandhaus 2006 mit einem seiner Callcenter nach Berlin zog, rekrutierte man einen Großteil der Beschäftigten über die BA. Damals liefen die Bildungsgutscheine über sechs Monate, erinnert sich Holger Mandel, der damals bei Quelle arbeitete. Tatsächlich sei die Einarbeitung nach zwei Wochen abgeschlossen gewesen. „Danach haben die neuen Mitarbeiter voll mitgearbeitet“, berichtet Mandel. Dass nun Sykes offenbar die gleiche Strategie verfolgt, sorgt für Ärger. „Hier wird wirtschaftlicher Erfolg auf dem Rücken der Mitarbeiter und der Steuerzahler erzielt“, sagt Jürgen Stahl von Verdi.

„Die Tätigkeit bei Sykes ist ganz anders als bei Quelle. Deshalb übernimmt die Arbeitsagentur die Qualifizierung der Mitarbeiter“, erklärt Ina Gorzolka, Sprecherin der Arbeitsagentur Berlin-Mitte, auf Nachfrage. Auch Sven Braun von Sykes Deutschland bestätigt grundsätzlich die Hilfe der BA.

Bei Sykes werden die Mitarbeiter für technische Beratung zuständig sein, zunächst wohl zumeist für Kunden der Telekom-Tochter T-Mobile. Das ist anspruchsvoller als bei Quelle Bestellungen anzunehmen, jedoch – wie Sykes einräumt – vergleichbar mit den Ansprüchen an einen Quelle-Sachbearbeiter, der etwa Reklamationen verfolgte. Auch das Gehalt fällt ähnlich aus. Sykes bietet den ehemaligen Quelle-Mitarbeitern ein Bruttomonatsgehalt von 1250 Euro bei 40 Wochenstunden. Bei Quelle waren es 100 Euro mehr bei 42,5 Stunden. Beides entspricht einem Stundenlohn von weniger als acht Euro. Zu wenig aus Verdi-Sicht. „Es ist positiv, dass Sykes nach Berlin kommt, aber die Arbeitsbedingungen werden ähnlich schlecht sein wie bei Quelle“, sagt Jürgen Stahl.

Nach der Qualifikation über die BA erwartet die Sykes-Mitarbeiter die in der Branche übliche Prozedur: Zunächst ein Einjahresvertrag mit sechsmonatiger Probezeit, dann maximal zwei Folgeverträge über je ein halbes Jahr. Danach muss ein unbefristeter Vertrag folgen – oder die Kündigung.

Diese Aussichten präsentierten Mitte Februar zwei Führungskräfte von Sykes den arbeitslosen Quelle-Mitarbeitern. Dabei kennen die das Prinzip nur zu gut. „Es ist genau wie bei Quelle, das gleiche Vorgehen und die gleiche Art von Managern“, berichtet Holger Mandel. Und nicht nur das: Sogar die Fotos der Räume, die Sykes in der Arbeitsagentur zeigt, sind alte Bilder von Quelle – nur neu beschriftet.

Die gleichen Mitarbeiter, ein ähnliches Geschäft – das Spiel beginnt von vorne. Sykes war clever genug, das Callcenter von Quelle nicht zu übernehmen, sondern erst pleitegehen zu lassen. „Es ist für uns eine gute Gelegenheit gewesen, diesen ausgesprochen tollen Standort zu übernehmen“, sagt Sven Braun. Bereits im Herbst besichtigten Vertreter von Sykes die Zeughofstraße. Mandel zufolge sollen sie sich auch nach der Stärke des Betriebsrats erkundigt haben, offenbar als Kriterium für das weitere Interesse. Sykes dementiert das und verweist auf die Zukunft. Selbstverständlich werde am neuen Standort auch ein neuer Betriebsrat gewählt, erklärt Braun.

Anders als bei Quelle fließen dieses Mal keine direkten Fördermittel. Das hatten sowohl Sykes als auch der Berliner Senat schnell versichert, als die neue Ansiedlung Anfang Februar publik wurde. Doch das US-Unternehmen verzichtet wie gesagt auch nicht auf Unterstützung. Der Senat jedenfalls hat aus der Erfahrung mit Quelle gelernt und seine Vergabepraxis verändert.

Quelle hatte 2006 bewusst Subventionen beantragt, zu deren Auflagen nicht die Lohnhöhe der Arbeitnehmer zählte, wie Stephan Schulz, Sprecher des Wirtschaftssenators, bestätigt. Aus gutem Grund: Die niedrigsten Löhne, die bei Quelle gezahlt wurden, lagen bei 6,04 Euro in der Stunde. Das hatte der Tagesspiegel bereits im September 2006 berichtet. Der Senat will davon erst im Frühjahr 2009 erfahren haben. „Wir haben damals Hinweise aus dem Betriebsrat von Quelle erhalten, dass Löhne unter 7,50 Euro bezahlt werden“, sagt Schulz. Daraufhin reagierte der Senat: Seit Herbst 2009 werden nur noch Arbeitsplätze mit einem Bruttojahresgehalt von mindestens 25 000 Euro gefördert. Zu viel für Sykes und für das Gros der Branche. „Die neue Regelung schränkt die Förderung von Callcentern erheblich ein“, bestätigt Christoph Lang von der Wirtschaftsfördergesellschaft Berlin Partner.

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