Wirtschaft : Neuer Verein, neuer Name, neuer Vorstand

Die Arbeitnehmerorganisation AUB will sich verändern. Im Juni bestimmen die Mitglieder, wie es weitergehen soll

Nicole Huss,Corinna Visser

München/Berlin - Die Affäre um angebliche Millionenzahlungen von Siemens an den langjährigen Chef der Arbeitsgemeinschaft Unabhängiger Betriebsangehöriger (AUB), Wilhelm Schelsky, hat die Organisation in schwere Bedrängnis gebracht. Die AUB will jetzt die Flucht nach vorn antreten und sich neu formieren, um die Schatten der Vergangenheit los zu werden. „Wir haben beschlossen, der AUB eine ganz neue Struktur zu geben“, sagte die stellvertretende Bundesvorsitzende, Ingrid Brand-Hückstädt, dem Tagesspiegel.

Auf einer außerordentlichen Mitgliederversammlung im Juni will die AUB eine weitreichende Satzungsänderung beschließen. „Es wird künftig auf jeden Fall mehr Transparenz und Kontrolle für Mitglieder und Vorstand geben“, kündigt Brand-Hückstädt an. In der Vergangenheit habe der inzwischen zurückgetretene AUB-Chef Schelsky „absolute Alleingänge bei politischen und finanziellen Entscheidungen“ gemacht. Versuche der Mitglieder, bestimmte Probleme zu thematisieren, habe der allmächtige Vorsitzende meistens im Keim erstickt. „So etwas wird uns in Zukunft nicht mehr passieren“, sagt Brand-Hückstädt.

„Wir wollen einen Neuanfang“, sagt auch AUB-Mitglied André Krejcik, Betriebsrat bei Bayer Schering Pharma und Mitglied im Aufsichtsrat der Bayer AG. Nach seinen Angaben gibt es bei vielen Mitgliedern den Wunsch, weiterzumachen. „Der Gedanke, eine unabhängige Betriebsratsarbeit zu machen, ist aktueller denn je“, sagte Krejcik dem Tagesspiegel.

Auf der Mitgliederversammlung soll ein neuer Bundesvorstand gewählt werden. Es gebe „ein paar gut geeignete Kandidaten“, obwohl sich Schelsky nie bemüht habe, einen Nachfolger aufzubauen, sagt Brand-Hückstädt. In organisatorischer Hinsicht sollen die in den Unternehmen vertretenen AUB-Gruppen künftig unabhängiger arbeiten dürfen. Dies habe Schelsky in der Vergangenheit nicht zugelassen. Die sechs Landesgeschäftsstellen der AUB, von denen eine in Berlin ist, sollen neu strukturiert werden. Auf der Internet-Seite der AUB sind sie seit kurzem gar nicht mehr präsent. „Einzelne Stellen wurden seit Beginn der Affäre so terrorisiert, dass wir das geändert haben“, erklärt Brand-Hückstädt.

Um die Finanzen in Ordnung zu bringen hat die Organisation eine Nürnberger Wirtschaftsprüfungsgesellschaft eingeschaltet. Sie soll herausfinden, wie viel Geld Schelsky seit 2001 an die AUB gezahlt hat. Damals hatte der vorübergehend inhaftierte Siemens-Vorstand Johannes Feldmayer einen unbefristeten Beratervertrag mit Schelsky abgeschlossen, dem laut Staatsanwaltschaft Nürnberg keine adäquaten Gegenleistungen gegenübergestanden haben sollen. Schelsky soll die AUB mit dem Geld auf Druck von Siemens als arbeitgeberfreundliche Gegen-Gewerkschaft zur IG Metall aufgebaut haben. Schelsky wurde Mitte Februar wegen des Verdachts der Untreue und der Steuerhinterziehung verhaftet.

Die AUB-Mitglieder weisen den Vorwurf, arbeitgeberfreundlich zu sein, zurück. Das sei absurd, sagt AUB-Betriebsrat Krejcik. „Wenn es so wäre, dann würde uns keiner wählen.“ Der Vorwurf werde jedoch von den Gewerkschaften immer wieder erhoben, „weil wir die Arbeitnehmer vor Ort vertreten und nach betrieblichen Lösungen suchen“, meint er. „Die AUB ist schon immer Zielscheibe der DGB-Gewerkschaften gewesen“, sagt auch Kay Strelow, Gesamtbetriebsratsvorsitzender der Baumarktkette Hornbach. Die großen Gewerkschaften duldeten keine Konkurrenz.

Doch was Schelsky vorgeworfen werde, „schlägt jedem, der die Gedanken der AUB vertritt, ins Gesicht“, sagt Strelow, der seit vier Jahren in der AUB ist. „Die Sache muss schnellstens ausgeräumt werden“, fordert er. Schelsky habe der AUB „durch seine offensichtlich zahlreichen Aktivitäten als Unternehmensberater schweren Schaden zugefügt“, beklagt auch Brand-Hückstädt. Schelsky habe der AUB „Geld zugeschanzt, das wir eigentlich gar nicht gebraucht hätten.“ Inzwischen denkt die AUB Mitgliedern zufolge über eine Erhöhung des monatlichen Mitgliedsbeitrags von acht Euro nach. Kritiker hatten sich immer wieder gewundert, wie die AUB mit so geringen Beiträgen eine weit verzweigte Organisation mit einem relativ großen Personalstab betreiben konnte. Zudem machte die AUB mehrfach durch kostspielige Werbekampagnen von sich reden.

Eigenen Angaben zufolge hat die AUB bundesweit 32 000 Mitglieder und stellt 19 000 Betriebsräte, vor allem in der Metallbranche und im Handel. Sie ist neben Siemens, Bayer Schering Pharma und Hornbach zum Beispiel auch bei Lufthansa und Aldi vertreten. Brand-Hückstädt sagt, die Vorwürfe gegen Schelsky hätten nicht zu einer Austrittswelle geführt. Viele Mitglieder seien zwar verunsichert. „Die meisten finden aber, dass wir jetzt erst recht zusammenhalten müssen.“

Doch in einigen Ortsgruppen regt sich Widerstand. Die AUB-Betriebsratsgruppe des Siemens-Standorts München- Hoffmannstraße betonte ihre Distanz zur Zentrale. Und die AUB-Vertreter der Siemens-Niederlassung Hamburg wollen ihr Mandat nun ohne Bindung an die AUB ausüben. „Der Gedanke der AUB muss weiterleben“, fordert dagegen Betriebsrat Strelow. Doch die AUB müsse sich ändern: „Wir brauchen auf jeden Fall einen neuen Namen, der alte ist verbraucht.“ Daneben müsse auch „ein neues Statut und ein neuer Vorstand“ her. „Möglicherweise müssen wir dafür einen neuen Verein gründen.“

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