Wirtschaft : New Deal in Großbritannien

HELEN COOPER

Nach drei Monaten des "New Deal" - der britischen Initiative zur Umwandlung von Wohlfahrt in Arbeitsplätze - begann Alan Ison zu schwitzen.Der 20jährige Ison hat seit vergangenem September nicht mehr gearbeitet.Vor dem "New Deal" wäre dies kein Problem gewesen.Der mit 17 Jahren von der Schule abgegangene Ison hätte auf unbegrenzte Zeit Arbeitslosenhilfe erhalten.Doch weil Großbritannien einen ehrgeizigen Versuch gestartet hat, das 50 Jahre alte Sozialsystem zu reformieren, mußte sich Ison innerhalb von vier Monaten entscheiden, ob er an einem der zahlreichen Arbeits- oder Ausbildungsprogramme teilnimmt oder auf seine Unterstützung verzichtet.Er ließ drei Monate vergehen.

"Es zieht sich etwas in die Länge", sagte der gewinnende, sichtlich nervöse Ison, als er im vergangenen Monat seinem persönlichen Berater beim örtlichen Arbeitsamt in Birkenhead gegenübersaß.Das im Südwesten von Liverpool gelegene Birkenhead mit seinem 15 000 Einwohnern war einst ein blühender Ort, bevor die Werften geschlossen wurden.Ison sah sich im Raum mit den orangenen Stühlen und lila Teppichboden um."Ich fange an, mir Sorgen zu machen."

Ebenso ergeht es Hunderten von arbeitslosen Jugendlichen in ganz England, welche im Rahmen der neuen Initiative überredet und angetrieben werden und denen schließlich die Arbeitslosenunterstützung entzogen wird.Von den 1200 arbeitslosen Jugendlichen in Birkenhead, welche vor drei Monaten automatisch in das neue Programm aufgenommen wurden, haben weniger als 200 eine Arbeit gefunden.Einigen reicht das aus, um die Initiative als gescheitert zu erklären."Es ist wie jenes Märchen vom Kaiser ohne Kleider", sagt Alec McFaden, Vorstandsmitglied der Gewerkschaft des Bezirkes Wirral."Es gibt hier keine Arbeit, und man wird den Menschen die Arbeitslosenhilfe streichen."

Ob der "New Deal" von Premierminister Tony Blair Erfolg hat, wird von den anderen europäischen Ländern aufmerksam verfolgt.Denn selbst wenn der Kontinent einen grundlegenden Wandel durchläuft, sind Wohlfahrtsreformen noch der Bereich, wo sich kaum etwas tut, obwohl dort der größte Handlungsbedarf besteht.

Trotz aller Schritte, die Europa in den 90er Jahren getan hat, um wettbewerbsfähiger zu werden, könnten weitere Fortschritte ohne ernsthafte Einschnitte in das noch immer großzügige Wohlfahrtssystem schwierig werden.Eine Reform des Wohlfahrtssystem erweist sich als so schwierig, da sich das Nachkriegseuropa über einen umfassenden Wohlfahrtsstaat definierte - es hob sich damit vom Rest der Welt ab.Als die Kosten des Sozialsystems immer mehr in die Höhe geklettert sind, gab es einige Kürzungen.Aber die Reformen blieben bescheiden, nur die schlimmsten Auswüchse wurden entfernt.

Auch wenn die holländische Regierung nicht mehr die Bilder und Skulpturen von angeblichen Künstlern kauft, Schwedinnen im Mutterschaftsurlaub nicht mehr 100 Prozent, sondern nunmehr 80 Prozent ihres Gehaltes erhalten, sind die Wohlfahrtssysteme immer noch großzügig.Ein Zeichen für die weiterhin bestehende Anspruchskultur in Europa waren die Demonstrationen französischer Arbeitsloser im vergangenen Jahr.Die Arbeitslosen besetzten Regierungsbüros und forderten höhere Arbeitslosenhilfe - und waren letztendlich erfolgreich.

Trotz der Diskussion um Wohlfahrtsreformen wird in sämtlichen europäischen Ländern noch 30 Prozent des öffentlichen Haushaltes für Wohlfahrts- und Sozialprogramme ausgegeben.Der Anteil in Schweden lag 1995 nach Angaben der OECD bei 35 Prozent - im Vergleich zu 15,8 Prozent in den USA und 13,8 Prozent in Japan.

"Das Konzept der sozialen Marktwirtschaft ist in Europa so tief verwurzelt, daß es schon großer Anstrengungen bedarf, um zu einer mittleren Position zu gelangen", sagt Peter Sutherland, Vorstand von Goldman Sachs International und ehemaliger EU-Kommissar."Es wäre unmöglich, es ganz zu Fall zu bringen.Soziale Wohlfahrt ist ein wesentlicher Bestandteil von Europa."

Die Androhung, Menschen die Arbeitslosenunterstützung zu streichen, wenn sie keine Arbeit finden, dürfte auf dem europäischen Kontinent als drakonisch empfunden werden.Aber manche kritisieren, daß die großzügigen Sozial- und Arbeitslosenhilfe dafür sorgen, daß andere Europäer arbeitslos bleiben.Die Lösung von Premierminister Blair: arbeitslose junge Menschen zu veranlassen, irgendeine Arbeit anzunehmen, statt auf den Traumjob zu warten.Zwar ist die Arbeitslosenquote in Großbritannien mit 6,5 Prozent eine der niedrigsten in Europa, doch ist die Arbeitslosigkeit junger Menschen mit 10 Prozent sehr viel höher.

Mit "New Deal" wird dieser Mißstand angegangen, indem Arbeitslosen unter 25 Jahren vier Optionen erhalten: Sie können sechs Monate lang in einem Privatunternehmen arbeiten - der Arbeitgeber wird dafür mit 60 Pfund die Woche subventioniert.Außerdem besteht die Möglichkeit, ehrenamtlich oder im Umweltschutz zu arbeiten.Eine vierte Alternative: an einem ganztägigen Kurs teilzunehmen.Die Unter-25jährigen haben vier Monate Zeit, sich für eine dieser Optionen zu entscheiden.Der Arbeitslose Ison hat mit dem Rücken an der Wand die Arbeit im Umweltschutz gewählt.Das Programm begann landesweit im April."Es gab in letzter Zeit ein großes Interesse an der Option, ehrenamtlich oder im Umweltbereich zu arbeiten", sagt David Brooks, der in Birkenhead für das Programm verantwortlich ist.Brooks erklärt, daß Birkenhead aufgrund der geschlossenen Werften nicht genügend Arbeitsplätze für die "New Deal"-Jugendlichen hat.

Obwohl die Engländer allgemein akzeptieren, daß bei der Reform des Wohlfahrtssystems auch kühnere Schritte erforderlich sind, ist vielen die Vorstellung zeitlich begrenzter Unterstützung wie in den USA unangenehm.Es wird befürchtet, daß Arbeitgeber, die "New Deal"-Arbeitsplätze anbieten, nur von den subventionierten Arbeitern profitieren wollen und die Jugendlichen nach Ablauf der sechsmonatigen Subvention entlassen.Noch größer ist die Sorge, daß Arbeitgeber nur minderwertige Arbeitsplätze anbieten, die nicht qualifizieren oder keinen Raum für Entwicklung bieten.

Diese Aspekte sind heißes Gesprächsthema bei einem Treffen von Gewerkschaftsvertretern in Birkenhead."Diese Kinder werden in alle möglichen Arten von Jobs gestoßen", beklagt Mike Sandbach, Präsident der Wirral-Gewerkschaft.Sandbach berichtet von einer jungen Frau, die von der Tory-Regierung zur Arbeit in einer Sargfabrik gezwungen wurde."Was würden Sie sagen, wenn Sie mit 20 Jahren solche Arbeit machen müßten?"

Trotz niedrigen Gehalts und anderer Einwände wird für einige Jugendliche mit "New Deal" ein Traum wahr."Alle meine Kumpel haben mich darum gebeten, ihnen hier einen Arbeitsplatz zu besorgen", sagt der 23jährige Lee Stewart, der bei Porter Builders in Birkenhead Arbeit gefunden hat.Nachdem er zwei Jahre in einem Obdachlosenheim gelebt und nur sporadisch gearbeitet hat, verdient Stewart bei seiner Arbeit mit Baugeräten nun 175 Pfund die Woche.Er hat seine eigene Wohnung und ist von seiner neuen Arbeit begeistert.Das sind auch Billy Williams und Pavan Boyal, die beide 18 Jahre alt sind und für 70 Dollar pro Woche im Rahmen des "New Deal" bei Porter Builder arbeiten.Das Gehalt ist niedrig, aber Williams sagt, daß er nach monatelanger Arbeitslosigkeit nun "ausgehen und die Lebensmittel kaufen kann, die ich will - die guten Dinge wie Pudding und Eis".

Übersetzt, redigiert und gekürzt von Joachim Hofer (Umbro), Paul Stoop (Tschechien), Karen Wientgen (Hongkong und New Deal).

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