Wirtschaft : New Economy: Banken sagen kräftigen Aufschwung voraus

brö/ro

Die Effekte der so genannten New Economy könnten Deutschland ein lang anhaltendes, inflationsfreies Wachstum wie in den USA bescheren. Das Bruttoinlandsprodukt werde in diesem Jahr um drei Prozent, 2001 um 3,3 und bis 2005 jeweils um drei Prozent zulegen, prognostizierten die Volkswirte der Dresdner Bank am Mittwoch in Berlin. Dank dieses Booms gingen die Arbeitslosenzahlen bis zum Jahre 2005 um jährlich 300 000 bis 400 000 zurück. Getragen werde der Aufschwung dabei von der Informations- und Kommunikationsbranche, vom Logistiksektor, der Automation sowie der Biotechnik. Diese Bereiche machten bereits heute zehn Prozent der Wertschöpfung in Deutschland aus, in zehn Jahren sollen es 15 Prozent sein.

Dienstleistungen werden wichtiger

Die Wachstumssektoren würden zudem viele andere, eher traditionelle Bereiche der Wirtschaft beeinflussen. "Die Industrie verliert wirtschaftlich zwar an Gewicht, aber nicht an Bedeutung. Dienstleistungen rund um die Old Economy, insbesondere Beratung, werden zu einem wichtigen Faktor. Neue und alte Wirtschaft wachsen so zusammen", sagte Dresdner-Bank-Chefvolkswirt Klaus Friedrich. Der Dienstleistungsanteil an der Wertschöpfung werde bis 2020 von heute 68 auf gut 72 Prozent steigen.

Die Umstellung der Geschäftsprozesse auf das Internet dauere aber länger als erwartet und werde erst in der zweiten Hälfte dieses Jahrzehnts ihren Höhepunkt erreichen. Schon heute sei jedoch nicht allein der Export die Antriebskraft des Wachstums - er sei lediglich für ein Plus von 1,5 Prozent verantwortlich. Trotz der erwarteten Prosperität befürchten die Volkswirte keinen Inflationsschub. In diesem Jahr werde die Geldentwertung 1,7 Prozent betragen, 2001 nur 1,3 Prozent und anschließend bis 2005 etwa 1,5 Prozent. Die Gründe dafür seien die Deregulierung in mehreren Branchen und der schärfere Wettbewerb hier zu Lande, der die Preise unter Druck setze. "Das erklärt diese ungewöhnliche Entwicklung aber nur teilweise. Warum die Wirtschaft ohne Inflation dauerhaft wächst, können wir noch nicht erklären", gestand Friedrich ein.

Europa werde gegenüber den USA in den nächsten Jahren zwar "graduell" aufholen. Amerika bleibe aber das Maß der Dinge, weil dort das Kapital effizienter eingesetzt werde. Europa müsse diesem Beispiel folgen und seine Finanzmärkte funktionsfähiger machen, forderte Friedrich. Bis Ende dieses Jahres sieht er den Euro wieder auf der Parität zum Dollar, bis Ende 2001 soll er gar 1,16 Dollar kosten.

Auch die Volkswirte der Deutschen Bank sehen Euroland "vor einer ähnlichen Phase der Prosperität" und damit einem langen und stabilen Wirtschaftsaufschwung wie in den USA. Für 2000 und 2001 haben die Experten ihre Schätzungen um mehr als einen halben Prozentpunkt nach oben korrigiert und erwarten ein Wachstum von jeweils 3,8 Prozent. In Deutschland werde die Wirtschaft real um 3,3 und 3,6 Prozent zulegen. Das könne sich zwar in den darauf folgenden Jahren etwas reduzieren. Aber das sei keine Abschwächung, sondern eine Normalisierung, sagt Axel Siedenberg, Vize-Chefvolkswirt der Deutschen Bank.

Die New Economy und das Internet würden sich als "Turbolader" für das Wachstum erweisen. Weder der Euro-Wechselkurs noch der Ölpreis oder höhere Zinsen seien eine zu große Belastung. Auch die Inflationsrate werde sich 2000 und 2001 bei etwa zwei Prozent einpendeln. Schließlich rechnen die Deutsche Bank-Experten mit einer "weichen" Landung des Aufschwungs in den USA, womit die amerikanische Notenbank möglicherweise schon 2001 die Zinszügel wieder etwas lockern könnte.

"Anfang eines Investitionsbooms"

Erstmals im ersten Quartal 2001 werde Euroland die USA im Wachstum überflügeln. Die höchsten Wachstumsraten erwarten die Deutsche-Bank-Volkswirte in Finnland und in Irland. Getragen werde die Konjunktur in Europa durch das "derzeit extrem günstige" weltwirtschaftliche Umfeld. "Wir stehen am Anfang eines Investitionsbooms", sagt Volkswirt Stefan Schneider. Auch der private Verbrauch - bedingt durch steigende Beschäftigung und Steuerentlastungen - komme in Schwung. Auch der Vermögensgewinn durch gestiegene Aktienkurse werde den Konsum ankurbeln. Impulse bringe auch die Steuerreform und die "Kehrtwende in der Fiskalpolitik". Niedrigere Staatsausgaben führten zu einer geringeren Beanspruchung des Kapitalmarktes, was niedrigere Zinsen bedinge.

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