Wirtschaft : New Economy in Berlin: "Am besten mitten rein"

Antje Sirleschtov

Wer hätte das gedacht: Kaum fünf Jahre ist es her, da war für die Experten der Wirtschaftsstandort Berlin keinen Pfifferling wert. Längst hatten die großen Industriebetriebe ihre Türen zugesperrt, gähnende Leere in den Fluren der zahlreich neu gebauten Gewerbehöfe. Stillstand, das war schon die optimistischste Wachstums-Botschaft, meist verkündeten die Statistiker, dass Berlins Wirtschaftsdynamik negativ ist. Jetzt gibt die Spreemetropole immer deutlicher den Takt für Deutschland an. Ob Multimedia-Unternehmen, Internetfirmen, Bio- oder Medizintechniker: Nirgendwo sonst in Deutschland schießen mehr Unternehmen der New Economy in immer kürzeren Zeitabständen aus dem Boden. Weit mehr als 50 000 Berliner beschäftigen IT- und Medienunternehmen in der Stadt, schätzt die Industrie- und Handelskammer. Im vergangenen Jahr, so der Berliner Wirtschaftssenator, hat sich die Zahl der Jungunternehmen allein im Multimediabereich verdoppelt.

Auch, wenn niemand wirklich so genau weiß, wie viele Gründer hier gerade ihre Zelte aufschlagen und ob ihre Geschäftsidee so tragbar ist, dass sie noch in ein paar Monaten vor Ort sein werden. Mit rasantem Tempo, das ist sicher, hat sich die Bundeshauptstadt an anderen Standorten wie Hamburg, Köln oder München vorbei zur Silicon City Deutschlands entwickelt. "Selbst in New York", sagt Florence Danek vom Biotechnologie-Unternehmen Epigenomics AG, "hat man uns geraten, nach Berlin, und am besten mitten rein, zu ziehen".

Warum das Netz der Computerexperten und Kreativen in den verschiedensten Technologie-Branchen gerade hier nicht nur immer größer, sondern auch engmaschiger wird, das wissen die Berliner oft selber nicht so genau. "Ein bisschen mag es das Flair einer gewaltig großen Stadt sein", vermutet Ingrid Walther, die sich im Auftrag der Landesregierung um die Ansässigen und Neueinsteiger im Medienbereich kümmert. Eine spannende Umgebung, die nichts Arriviertes, sondern stetigen Wandel ausstrahlt, ein Flair, in dem junge Leute ihr Wissen ausprobieren können. Vor allem das zieht offenbar die Start-up-Gesellschaft an wie Fliegen das Licht. Als einer von ihnen, Oliver Beste, vor ein paar Jahren in der Nähe von Osnabrück das Internetportal my.toys gründete, da schien ihm und seinen Kollegen die Location ganz unwichtig zu sein. Man wollte Spielzeug über das weltumspannende Internet verkaufen, benötigte dazu in erster Linie Ideen und ein funktionierendes Logistikkonzept. Doch schon bald erkannten die Bären- und Tretautohändler, dass der sture Blick auf den Bildschirm eben doch nicht alles ist. "Die Leute wollten nicht nach Köln oder Hamburg", erinnert sich Beste an den Streit um einen neuen Standort. Nur Berlin, das schien ihnen attraktiv genug zu sein. Jetzt arbeiten die 70 Mitarbeiter von my.toys schon fast ein Jahr im Szene-Bezirk Prenzlauer Berg. Und nicht zuletzt das Erlebnis, dass ihr Nachbar und Chef des Bundestages, Wolfgang Thierse, unlängst mal eben so vorbeikam, überzeugt Beste zu sagen, dass seine Internethändler hier "extrem zufrieden" sind. Doch nicht nur die Vielfalt der Eindrücke aus Politik, Internationalität und Kultur, die Berlin den jungen Kreativen bieten kann, macht die Stadt interessant. Die New-Economy-Szene profitiert hier ausgiebig von der schier unübersehbaren Masse an freiem und preisgünstigem Gewerberaum. Ob an den Stadträndern, im nahen Potsdam oder mitten drin in der City. Jeder, der hier ein Unternehmen gründet, findet ein passendes Quartier - für Quadratmeterpreise, die weit unter den Einstiegsmieten in westdeutschen Großstädten liegen.

Die Kunde vom preisgünstigen Büro mit Blick auf das Brandenburger Tor und Kneipenszene im Innenhof erreicht auch immer mehr Unternehmen der Branche, die längst aus den Kinderschuhen herausgewachsen sind. So sicherte sich die Digital-Media-Agentur Virtual Identity gerade 700 Quadratmeter über den Dächern der Hackeschen Höfe im Stadtbezirk Mitte. Und mehr als die Hälfte der 36 000 Quadratmeter Loft-Fläche mit Spreeblick an der Oberbaumbrücke sind schon lange, bevor die letzten Maurer abrücken, an Medienfirmen und Internet-Agenturen aus ganz Deutschland und Übersee vergeben.

Auch der Kostenfaktor Mensch wiegt schwer. An drei Universitäten, Fachschulen und zahllosen Weiterbildungseinrichtungen tummeln sich in Berlin mehr als 150 000 Studierende. Hier büffeln nicht nur die Gründer von morgen. Hier kreisen auch Tausende, die über Praktika mal in die Szene hineinschnuppern wollen und ihr Wissen für ein paar Mark in den Dienst der Unternehmer stellen. Und weil das offenbar immer noch nicht reicht, gründeten ein paar Unternehmer im vergangenen Herbst mit dem "Berlin New Economy Program" ihre eigene Akademie zur Ausbildung der Unternehmer im Internet. Die privaten Geldgeber und Beteiligungsgesellschaften riechen das Potenzial. Beinahe 1000 der jungen Technologieunternehmen sehen sich Thomas Stewens und seine Mitarbeiter der Risikokapitalgesellschaft Concord Effekten AG in ganz Deutschland jedes Jahr an. Fünf davon sind so vielversprechend, dass Stewens sie an der Börse platziert. Und drei davon kommen aus Berlin. Mit gut einer Milliarde Mark gehört Berlin nach Berechnungen des Bundesverbandes der Kapitalbeteiligungsgesellschaften zu den begehrtesten Standorten in Deutschland. Stewens dazu: "Wir kommen an der Hauptstadt nicht vorbei."

Gut ausgebildete Fachleute, risikobereite junge Unternehmer, interessierte Geldgeber und eine atttraktive Umgebung: Es scheint, dass Berlins New-Economy-Szene den berühmten Point of no return erreicht hat, dass sich aus großen Medienunternehmen, Hochschulen und den vielen kleinen und größeren Gründern mittlerweile jene Cluster bilden, die Experten als unabdingbare Voraussetzung für den Erfolg bezeichnen und die letztlich solchen Standorten wie dem kalifornischen Silicon Valley zum Durchbruch verhalfen.

Indiz dafür mag auch das Umdenken in der Wirtschaftverwaltung des Berliner Senats sein, wo man noch vor ein paar Jahren mit 20 Millionen Mark Fördermitteln (und damit mehr als anderswo) den Start-ups in der Informationsbranche unter die Arme griff. Heute, da die jährliche Summe nur noch halb so groß ist, sagt die Medienbeauftragte Walther, spielt der Umfang der Fördermittel für die einzelnen Unternehmen keine so große Rolle mehr. Die helfen sich auch ohne Staatsgeld weiter. "Jetzt geht es vor allem darum, die Netzwerke zu festigen".

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben