Wirtschaft : New Economy: Krise der Internet-Firmen drückt US-Immobilienpreise

Rita Neubauer

Noch im vergangenen August demonstrierten die Einwohner des Mission Districts in San Francisco gegen die "Invasion der Dotcommers", wie die Beschäftigten in der Internet-Industrie genannt werden. Denn exorbitante Immobilien- und Mietpreise führten zur Verdrängung alteingesessener Einwohner. Mittelklasse-Familien, Künstler, Einwanderer aus Lateinamerika und gemeinnützige Vereine konnten sich den pittoresken Stadtteil nicht mehr leisten. Nun sind die Proteste weitgehend verstummt. Das Debakel der New Economy hat die Situation auf dem Immobilienmarkt entschärft. Plötzlich überlegen es sich Hauseigentümer zweimal, ob sie Immobilien zu Bürogebäuden für Start-up-Firmen umfunktionieren, und dafür langjährige Mieter auf die Straße setzen. Auch hat die Nachfrage nach Zweizimmerwohnungen, die gut 2500 Dollar kosten, deutlich nachgelassen. Viele "Dotcommers" sind arbeitslos oder denken gar ans Wegziehen.

Zum Thema Online Spezial: New Economy Doch was die Einwohner des Mission Districts aufatmen lässt, könnte der Immobilienindustrie bald Kopfschmerzen bereiten. Nach einer Studie von Rosen Consulting in Berkeley erwarten Experten eine massive Zunahme leer stehender Bürofläche. Die Studie geht davon aus, dass 80 Prozent der in San Francisco ansässigen Internet-Firmen die Krise der New Economy nicht überleben. Will heissen, dass Bürofläche in der Größe von 88 Fußballfeldern, so das plastische Bild, plötzlich leer stehen.

Preise sinken um 20 Prozent

Wenn auch San Francisco weiter zu einem der heißesten Immobilienmärkte des Landes zählt, die leer stehende Bürofläche hat sich in den vergangenen Monaten von zwei Prozent auf acht Prozent erhöht. Die Preise geben bereits um zehn bis 20 Prozent nach. Vor allem im Multimedia Gulch, wie ein Viertel im South of Market District genannt wird, das viele Firmen im Neuen-Medien-Bereich beherbergt. Dort hat sich die nicht vermietete Bürofläche in den letzten drei Monaten auf 18 Prozent verdoppelt.

Kenneth Rosen, der Rosen Consulting vorsteht, erwartet, dass in den nächsten zwölf Monaten neben 600 000 Quadratmetern neu geschaffener und renovierter Bürofläche rund 400 000 Quadratmeter frei werdende Büroflächen auf den Markt kommen. San Francisco verfügt derzeit über rund sieben Millionen Quadratmeter Bürofläche. Auch im rund 50 Kilometer südlich gelegenen Silicon Valley hinterlässt die Krise ihre Spuren. Während vor einem Jahr 1,23 Millionen Quadratmeter Bürofläche in Silicon Valley neu angemietet oder gekauft wurden, waren es im letzten Quartal nur 150 000 Quadratmeter.

Beispielsweise legte die Firma Palm, die handtellergrosse Computer produziert, die Konstruktion eines neuen Hauptquartiers in San Jose auf Eis. Cisco stoppte die Suche nach einem Fabrikgelände im Sonoma County nördlich von San Francisco. Und viele Firmen, die in den vergangenen Wochen Massenentlassungen ankündigten, sehen plötzlich keinen Bedarf mehr an zusätzlich geplanter Bürofläche.

Im Vergleich zu Kalifornien zeigt die Ostküste und inbesondere New York bislang eine moderate Schwäche des Immobilienmarktes. Nach Statistiken der Firma Miller Samuel, die den Wert von Immobilien schätzt, haben zwar die Verkäufe um elf Prozent nachgelassen, die Preise blieben jedoch dank der niedrigen Zinsraten bislang stabil. Auch wenn noch von keinem Markt für Käufer die Rede ist, beobachten Interessenten mit großer Aufmerksamkeit die Entwicklung. Und Immobilienhändler geben ihnen recht: Preisverhandlungen sind wieder möglich, Objekte sind länger auf dem Markt und für Immobilien in Millionenhöhe wie beispielsweise in Manhattan oder East Hampton werden nicht länger total überzogene Preise bezahlt.

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