Next Berlin : „Wir brauchen eine Kultur des Scheiterns“

Ausflug in die digitale Welt: SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück stellt auf der Next-Konferenz seine Zukunftsvision vor.

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Was kommt als Nächstes? Auf dem Kongress in Berlin erklärte Peer Steinbrück seine Perspektive.
Was kommt als Nächstes? Auf dem Kongress in Berlin erklärte Peer Steinbrück seine Perspektive.Foto: dpa

Berlin - Angela Merkel (CDU), Philipp Rösler (FDP), Klaus Wowereit (SPD) und jetzt auch Peer Steinbrück (SPD) – die Politiker entdecken die Internet- und Start- up-Szene. Denn wer sich dorthin begibt, muss sich nicht mit Problemen wie der Euro-Krise herumschlagen, sondern kann sich mit der Zukunft beschäftigen. Seine Vision stellte Kanzlerkandidat Steinbrück am Dienstag auf der Digital- Konferenz Next in Berlin vor. Er sieht die Welt am Beginn der vierten industriellen Revolution. Nach Dampfmaschine, Elektrizität und Computer folge nun die Digitalisierung und Vernetzung der Industrie. „Deutschland wird der Pionier der Industrie 4.0 sein“, sagte er in seiner auf Englisch gehaltenen Rede, weil das Land einen starken industriellen Kern habe.

Natürlich hat die Politik auch eine Rolle in Steinbrücks Vision und müsse sich um drei Dinge kümmern: die nötige Infrastruktur, Bildung und Unternehmertum. „Breitbandnetze sind die Lebensadern der digitalen Welt“, konstatierte Steinbrück und Deutschland liege hier weit zurück, vor allem in ländlichen Gebieten. Genau wie Daimler, BMW und Audi die Autobahnen brauchten um erfolgreich zu sein, so brauche die digitalisierte Industrie leistungsfähige Netze, um erfolgreich zu sein. Wie mit vielen öffentlichen Gütern, werde die Privatwirtschaft nicht allein die flächendeckende Abdeckung sicherstellen. „Ich will eine flächendeckende Versorgung durch einen gesetzlich vorgeschriebenen Universaldienst sicherstellen“, sagte Steinbrück und schlug vor, zusätzliches privates Kapital für den Netzausbau zum Beispiel durch kommunale Bonds aufzubringen, an denen sich sowohl die Bürger als auch die Wirtschaft beteiligen könnten.

Der Kandidat gab zu, er gehöre noch zu der Generation, die eine CD im Laden kaufe, statt Musik aus dem Netz zu laden. Auch das Bildungssystem sei noch in alten Strukturen verhaftet und müsse modernisiert werden. Technische und digitale Kompetenz gehörten ganz oben auf den Lehrplan. „Der Laptop ist die Werkbank des 21. Jahrhunderts“, sagte der SPD-Politiker. „Jeder Student braucht einen.“ Deutschland investiere zu wenig in Bildung. Steinbrück schlug vor, die Verfassung zu ändern, damit der Bund die Möglichkeit habe, mehr Geld direkt für Bildung auszugeben. Außerdem müssten „einige Steuern für einige Leute“ erhöht werden, und zwar für diejenigen mit den „breitesten Schultern“, um Bildung, Kommunen und Infrastruktur zu finanzieren.

Schließlich regte Steinbrück einen gesellschaftlichen Diskurs über Unternehmertum an. Die Deutschen wollten immer alles perfekt machen und seien nur selten bereit, Risiken zu tragen, aber nur wer Risiken eingehe, könne auch Erfolg haben. „Ich denke, uns in Deutschland fehlt eine Kultur des Scheiterns.“ Das müsse sich ändern. Zudem wolle er Versicherungen und Banken dazu ermutigen, in den Start-up-Sektor zu investieren, anstatt unkalkulierbare Risiken anderswo einzugehen. Dafür gab es Extra-Applaus vom Publikum. Corinna Visser

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