Wirtschaft : Nobelpreise für Spieltheoretiker

Ökonomen Aumann aus Israel und Schelling aus den USA ausgezeichnet / Fachwelt begeistert

Moritz Döbler,Henrik Mortsiefer

Berlin - Der diesjährige Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaft geht an den in Deutschland geborenen Israeli Robert J. Aumann (75) und Thomas C. Schelling (84) aus den USA, die für ihre Beiträge zur Spieltheorie ausgezeichnet werden. Die Schwedische Akademie der Wissenschaften würdigte am Montag die Arbeiten der beiden „zum besseren Verständnis von Konflikt und Kooperation“.

Michael Burda, Wirtschaftsprofessor der Berliner Humboldt-Universität, begrüßte die Entscheidung. „Das ist eine hervorragende Wahl. Ich kenne Schelling aus meiner Studienzeit in Harvard. Der Mann ist einfach brillant“, sagte der US-Amerikaner dem Tagesspiegel. „Er kann strategische Interaktionen intuitiv, tiefsinnig und ohne viel Mathematik erklären.“ Dass Schelling, bei dem er in den 80er Jahren ein Seminar belegt habe, nun ausgezeichnet wurde, habe ihn überrascht: „Ich hätte vor zehn Jahren auf ihn getippt.“

Auch Axel Ockenfels, Professor für Wirtschaftliche Staatswissenschaft der Universität Köln, zeigte sich erfreut: „Schelling hat ein unglaubliches Gespür für das, was die Spieltheorie zu leisten vermag bei der Lösung realer Probleme des sozialen Zusammenlebens“, sagte er dieser Zeitung. Aumann betreibe „Mathematik auf höchstem Niveau, die er auch einem Laien erklären kann“.

Die in den 50er Jahren entwickelte Spieltheorie analysiert das Verhalten von Spielern und Verhandlungspartnern in Entscheidungs- und Konfliktsituationen. Dabei wird zwischen nicht-kooperativen und kooperativen Spielen unterschieden. Bei Letzteren geht es etwa um die Bildung von Koalitionen und den Ausgleich von Interessen – zum Beispiel bei den Gesprächen zur Bildung einer großen Koalition. Die Spieltheorie untersucht in teils komplexen mathematischen Modellen sowohl kurzfristige als auch langfristige Spielsituationen und leitet daraus Handlungsempfehlungen ab. Angewendet wird sie in vielen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens wie bei Entscheidungsproblemen im wirtschaftlichen Wettbewerb, bei militärischen Konflikten oder politischen Abstimmungen.

Der in Frankfurt am Main geborene Israeli Aumann, der auch US-Bürger ist, zeigte sich „völlig überrascht“ über seine Auszeichnung. „Ich hatte wirklich keine Ahnung“, sagte er. „Aber ich freue mich natürlich enorm.“ Aumann, der 1938 mit seiner Familie vor den Nazis aus Deutschland in die USA floh, lebt seit 1956 in Israel und lehrt an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Er machte sich in der Ökonomie einen Namen, weil er die Grundlagen der Spieltheorie in ein formales Modell übertrug und dabei vor allem wichtige Erkenntnisse über die Bildung von Koalitionen lieferte. Aumann prägte auch die Theorie des ständig wiederholten „Superspiels“, die eine wichtige Rolle bei der Erklärung der Preisbildung an den Finanzmärkten spielt. Auch lieferte er Instrumente, um Preis- und Handelskriege besser verstehen zu können.

Schelling, der nach seiner Emeritierung von der Harvard-Universität in New York an der Universität des US-Bundesstaates Maryland lehrt, entwickelte bereits in den 50er Jahren „originelle Gedanken und Begriffe mit einem Minimum an mathematischer Technik“, wie die Schwedische Akademie schrieb. Dabei ging es Schelling – unter dem Eindruck des Kalten Krieges – unter anderem um die Frage, wie in Konfliktsituationen Vertrauen zwischen den Verhandlungspartnern geschaffen werden kann, um langfristige Kooperationen zu ermöglichen. Er analysierte im Auftrag der US-Regierung auch die atomare Abschreckungsstrategie. Schellings Arbeiten wurden später vom deutschen Spieltheoretiker Reinhard Selten formalisiert, der dafür 1994 den Nobelpreis erhielt. Selten zeigte sich erfreut über eine weitere Auszeichnung der Spieltheorie. „Das ist relativ unerwartet. Aber ich hatte eigentlich schon damals geglaubt: Wenn ein Spieltheoretiker den Nobelpreis bekommt, dann Aumann. Ich kenne ihn noch viel besser als Schelling – er ist ein Freund“, sagte er am Montag.

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