Wirtschaft : Noch ist der Versand die Schwachstelle - doch bald soll Einkaufen im Netz konkurrenzfähig sein

Dagmar Hovestadt

Die bunte Warenwelt im Internet hat einen kleinen Haken: Was da in Sekundenschnelle auf dem Bildschirm erscheint, quasi zum Greifen nahe, ist doch Tage entfernt. "I want it now!", ich will es jetzt - der Urschrei des amerikanischen Konsumenten verhallt vor dem Computerterminal ungehört. Aber nicht mehr lange: Mit dem Boom des E-Commerce kommt auch die Versandindustrie auf die Beine. In den USA gibt es mittlerweile Dutzende Firmen, die speziell in den Ballungsräumen Lieferservice für Internet-Waren anbieten. Sie tragen klingende Namen wie Urbanfetch.com, Webvan.com oder Pinkdot.com und versprechen, Videos, Lebensmittel, Bücher und CDs nach Hause zu bringen - im schnellsten Falle innerhalb einer halben Stunde. So wie einst der Milchmann oder der Bote des Lebensmittelladens.

Der Versand ist die Schwachstelle

Das Credo der Branche: "Click, pick and pay" - anklicken, wählen und zahlen - soll das Einkaufen im Netz bald konkurrenzfähig machen. "Die Einkaufsgewohnheiten werden sich verändern. Und wir liefern die Infrastruktur dafür", sagt Andrew Krainin, Vizepräsident Marketing von Sameday.com, die vor kurzem noch Shipper.com hießen. Der neue Name macht eindrücklicher klar, worum es dem Unternehmen geht.

Sameday.com bietet den Lieferservice für Waren, die über das Internet gekauft wurden, noch am selben Tag. Das Potenzial ist enorm: 44 Prozent aller erwachsenen US-Amerikaner wollen in diesem Jahr einen Online-Einkauf tätigen, eine Steigerung um das Dreifache im Vergleich zum bereits sehr erfolgreichen Internet-Handel rund um Weihnachten. Das hat eine ABC-News-Umfrage unter rund 1000 Erwachsenen Anfang des Jahres festgestellt. Letztlich aber wird das Versenden der Waren über den Erfolg des E-commerce entscheiden.

"Wenn es so wie beim Katalog-Kauf liefe, dass man auf seine Bestellung drei bis zehn Tage warten muss, dann wäre der Erfolg wohl nur sehr minimal. Daher ist unser Service so wichtig", sagt Krainin. Und die virtuellen Kunden haben noch einen Wunsch: 82 Prozent aller Online-Shopper machen ihre Kaufentscheidung vom kostenlosen Versenden der Produkte abhängig, so eine Studie des Forrester Research Instituts.

Sameday.com gibt es seit einem Jahr. Sie ist eine Internet Start-Up-Firma, die mit den höchsten Weihen der amerikanischen Internetfirmengründung versehen ist: Mit Hilfe der angesehenen Inkubatorfirma "Idealab!" und des Venture-Capital-Spezialisten Accel hat Sameday 20 Millionen Dollar Kapital gesammelt. Das ist jedoch nur ein Bruchteil dessen, was der Betrieb braucht, um seinen ehrgeizigen Zielen gerecht zu werden. Der Gang an die Börse ist avisiert.

Sameday.com zählt mittlerweile 150 Angestellte und verfügt über vier große Lagerhäuser in Los Angeles, San Francisco, New York und bald auch Chicago. Sein Angebot: Wer als Einzelhändler seine Produkte auch online verkaufen will, soll sich bequem zurücklehnen können. Den Warenversand, die Kreditkartenabwicklung, das Nachordern von Produkten, die gesamte Logistik, die mit dem Kauf übers Internet verbunden ist, übernimmt Sameday. Der größte Teil des Kapitals fließt in modernste Computer- und Kommunikationstechnologie.

Zwanzig Unternehmen arbeiten inzwischen mit Sameday. Das Warenhaus hat die entsprechenden Produkte mit neuester Technik inventarisiert, eigene Lieferwagen stehen für den Sameday Service bereit und eine Auswahl an 20 Geschenkpapierrollen, denn auch das liebevolle Verpacken gehört zur Dienstleistungspalette. Im Moment kostet die Auslieferung 6,95 Dollar, ab einem Warenwert von 50 Dollar ist sie frei. Sameday will den Service so perfektionieren, dass er kostenlos wird.

Die Anlieferung am gleichen Tag funktioniert nur dann, wenn die Produkte auch nah am Kunden lagern. Also arbeitet Sameday mit einer Projektion dessen, was die Leute am meisten kaufen, und lagert das ein, zunächst in den bereits existierenden Warenhäusern in den vier großen US-Städten. Ziel ist jedoch ein flächendeckendes System für die "Auslieferung am selben Tag".

Europa im Visier

Ein weiterer Schritt: Noch in diesem Jahr will Sameday.com Partner in Europa finden. Großbritannien, aber auch Deutschland und Frankreich seien attraktive Märkte, sagt Krainin. Das Internet sei schließlich weltweit zugänglich.

Ob und wann sich die Ziele verwirklichen lassen vermag niemand zu sagen. Alles hängt davon ab, wie sich das Netz und die Nutzung weiterentwickelt. Und das kann niemand mit Sicherheit prognostizieren. Je mehr Kunden online kaufen, desto einfacher wird es, das Liefer-Geschäft profitabel zu gestalten und das Internet als eine gleichrangige Option im Einzelhandel zu etablieren. Wenn das klappt, hat Sameday.com eine wundervolle Zukunft. Bis dahin bleibt das Unternehmen wie die vielen anderen Start-Ups auch ein Abenteuer, das die gesamte Belegschaft fasziniert und zu Schlafverzicht bringt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben