Wirtschaft : Noch ruht das Pendel

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Von Klaus Rocca

Berlin. Neulich, bei der Übergabe des neuen Trainingszentrums am Olympiastadion, stand Herthas Geschäftsführer Ingo Schiller im schwarzen Anzug samt Schlips am Kopfballpendel – und neben ihm Huub Stevens, Herthas neuer Trainer. Natürlich stieg Schiller nicht hoch zum Kopfball, trotzdem wurde viel gelacht. Stevens hatte sonnige Laune. Er gab sich locker und jovial. Die umstehenden Journalisten staunten.

War das der Huub Stevens, dem der Ruf vorausgeht, oft mit seinen Kritikern überkreuz zu liegen? Dem mit gewissen Bedenken entgegengesehen wurde, als er Berlins Fußball-Bundesligisten Hertha BSC als Trainer sein Jawort gab? „Wenn man unfair und unsachlich über mich und meine Arbeit schreibt, kann ich sehr grantig werden“, sagt Stevens. Unfairness und Unsachlichkeit, das habe er in Gelsenkirchen wiederholt erleben müssen. „Und dagegen habe ich mich eben gewehrt.“ In Berlin erwarte er „ein größeres Meinungsspektrum, aber auch mehr Fairness.“

Einen ersten Vorgeschmack bekam Stevens, als er vor Wochen, vor dem Bundesligaspiel seiner damals noch von ihm trainierten Schalker gegen seinen jetzigen Klub, erste Gespräche mit Michael Preetz, Stefan Beinlich und Alex Alves führte. Bei Schalke empörte man sich. Stevens: „Das habe ich nicht verstanden. Es war doch ganz normal, dass ich erste Kontakt knüpfte.“

Seitdem war Stevens wiederholt in Berlin. Um mit Manager Dieter Hoeneß und mit der Medizinischen Abteilung zu sprechen. Wenn die Spieler, die wie üblich mit Hausaufgaben für ihre körperliche Fitness in den Urlaub entlassen wurden, am Wochenende medizinischen Checks unterzogen werden, ist er nicht dabei. „Wichtig ist, dass die Ärzte mir dann die Unterlagen über jeden einzelnen Spieler geben, damit wir beim Training wissen, wie wir wen belasten können und müssen.“ Mit „wir“ ist auch der neue Konditionstrainer Carsten Schünemann gemeint, aber vor allem sein Assistenztrainer Holger Gehrke, dessen Auto gerade, wie Stevens mitteilte, abgebrannt ist. Als schlechtes Omen wollte das niemand sehen.

Noch pendelt Herthas neuer Trainer zwischen Berlin und seiner Heimat hin und her. In Eindhoven hat er ein Haus, „das ich auch behalten will“. Am Wochenende geht es dort hoch her. Gefeiert wird das bestandene Abitur seiner Tochter. Die kommt dann am Sonntag gemeinsam mit Stevens und dessen Frau nach Berlin, „um hier ihr Deutsch zu verbessern“. Der Sohn bleibt in Eindhoven.

Was Stevens hier erwartet, weiß er: Er wird gemessen an Jürgen Röber und Falko Götz, an deren Erfolgen und Popularität. „Ich kenne meinen Wert und meine Fähigkeiten“, sagt Stevens. Ob Wert und Fähigkeiten ausreichen, um Hertha mal wieder zu einem Meistertitel zu führen, wurde er gefragt. Stevens: „Noch kann ich den Kader, der ja auch noch gar nicht vollständig ist, nicht richtig beurteilen. Mein Ziel ist ein Platz in einem internationalen Wettbewerb.“ Welchen aber meint er? Vermutlich die Champions League. Den Uefa-Cup kann er nicht meinen. Den hat Hertha BSC zuletzt dreimal hintereinander erreicht. Röber musste gehen, weil man ihm mehr nicht zugetraut hat. Für mehr wurde Stevens geholt.

Huub Stevens ist vorsichtig. Noch ist er gut gelaunt. Noch ist aber nichts passiert. Noch ruht das Pendel.

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