Wirtschaft : Norbert Dobisch

(Geb. 1950)||Das Spielen ist die natürliche Fortsetzung des Bauens.

Anne Jelena Schulte

Das Spielen ist die natürliche Fortsetzung des Bauens. Sonntags, nachdem er an der Seite seiner Großmutter zurückgekehrt war aus dem katholischen Gottesdienst, hüllte Norbert sich gerne in einen schwarzen Predigermantel und sprach zu den Nachbarskindern von seinen Idealen.

Man darf sich doch nicht einfach so einrichten in dieser unvollkommenen Welt!

Das sahen die Eltern anders. Norbert, der gerne Abitur gemacht hätte, sollte Möbeltischler werden. Sie schickten ihn hinter die Mauern der Zitadelle Spandau, wo die Tischlerschule untergebracht war.

Norbert, der Junge mit den zerzausten Locken, den tief liegenden blauen Augen und dem schmalen Gesicht. Der seinen Mund nur zum Lächeln verziehen musste, und schon wich die asketische Strenge einem Charme, der Lehrer und Mädchen schwach werden ließ. Wegen dieses Lächelns und wegen seiner großen Fingerfertigkeit schwieg die Tischlerschule zu der hohen Summe seiner Fehltage und kürte ihn zum Jahrgangsbesten.

Auf diese Weise ausgezeichnet, begann Norbert Dobischs Irrfahrt durchs Erwerbsleben.

Die Möbelabteilung von Hertie wollte ihn schnell wieder loswerden, diesen Unverschämten, der die Kunden über die mangelhafte Qualität der Stücke aufklärte anstatt sie zu verkaufen. Auch versuchte Norbert sich als Fahrer für Coca-Cola, als Hauswart und als Hotel-Tischler.

Freude brachte ihm allein seine Gitarre. Er sang und spielte an allen Lagerfeuern, die seine Kumpels an der Havel entfachten, und auch für die „Sozialistische Einheitspartei Westberlins“.

„Hoch auf dem gelben Wagen“, das war sein Lied, dem gab er eine neue Melodie, bis es klang wie ein trotziger Rocksong. Vorwärts musste es gehen, heraus aus dieser Existenz, die Arbeit und Glück so scharf trennte.

Mit dem Lied bewarb Norbert sich eines sonnigen Tages für ein Gesangsstudium an der Hochschule der Künste. Und die Professoren gratulierten dem Möbeltischler zu seinem Tenor. Den gelben Wagen aber sollte er draußen lassen. Preußische Disziplin und das Studium der klassischen Musik waren gefragt. „Lern erst mal das Handwerk!“, fuhr ihn der Kompositionslehrer an, als Norbert sich in eigenen Melodien versuchte. Und bald erschien Norbert das Sandsteingemäuer der HdK genau so beengend wie das Felsgestein der Spandauer Zitadelle.

Als er erfuhr, dass das Leben draußen ihm höchstens einen Platz im Chor bereithalten würde, stürzte er ab. 23 Jahre war er jung, er war Tischler, Sänger und inzwischen auch Vater, doch einen Weg sah er nicht, da war nur dieses Baby, das nach ihm schrie, und seine eigene Stimme, die nach Freiheit rief.

Über die Zeit auf der Straße hat Norbert später kaum gesprochen. Lieber erzählte er von seiner Arbeit im Johannisstift, wohin man ihn nach dem Alkohol-Entzug geschickt hatte. Dort stellte er mit Jugendlichen Holz-Xylophone her und verkaufte sie auf dem Weihnachtsmarkt. Sie waren warm im Klang, sie waren leicht zu spielen, und sie waren schnell ausverkauft.

Das war es doch. Warum sollte das Musizieren ein Privileg von Philharmonikern und Popstars sein? Warum die Volksmusik den Hinterwelten überlassen? Warum ließ man die Musik zum Konsumprodukt verkommen? Losgeflötet, ihr Leute! Nehmt euch ein Beispiel an Dobisch! Der steht jeden Tag auf der Straße, singt, spielt und diskutiert! Und die Leute werfen nicht nur Geld in seinen Kasten, sie verweilen. Wie er einen anschaut aus seinen blauen Augen. So, als habe er sein Leben lang nur auf dich gewartet.

Mit dem Geld finanziert er seinen Laden, „Dobsches Musikspiele“.

Er versteht schon, warum das Volk nicht mehr musizieren mag. Auf allen Frequenzen schüchtert die Perfektion ein. Hinten in seinem Laden baut Norbert Dobisch antike und heidnische Instrumente nach. Die Lyra, das Psalterium. Leier, Zitter, Kantele, Dulcimer, Chrotta und Kithara. Sie klingen wärmer als viele der klassischen Instrumente und sind leichter zu erlernen. Er baut sie nicht nur nach, er erfindet sie neu, feilt und denkt an ihnen herum, bis sie nicht nur aussehen wie Schmuckstücke, sondern sich auch so anfühlen und anhören.

Oft musste er die Instrumente weit unter ihrem Wert verkaufen, schließlich, so dachten die Kunden, waren es ja nur Volksmusik-Instrumente.

Dann der Bandscheibenvorfall. Er lag im Krankenhausbett und dachte acht Wochen lang nach. War er nicht längst wieder ein Unfreier geworden, gefangen von den Sorgen des Geschäftsmannes? Hatte er darüber nicht seine Tochter vergessen, die unter Drogenproblemen litt?

Dem Vorschlag des Spandauer Kunstamts folgend, kehrte Norbert Dobisch in die Zitadelle zurück. Der Ort, der ihm einst so beengend erschien, wurde jetzt zu einer Insel, auf der er sich endlich frei fühlte zu tun, was ihn bewegte.

Hier gründete er den gemeinnützigen Verein „Klang-Holz“. Seine Instrumentenbauer-Werkstatt wurde ein großes Wohnzimmer, in dem bekannte Musiker, Laien und Kinder aufeinandertrafen. In den Gängen wurde musiziert, in den Hinterräumen gesägt, an großen Tischen Instrumentenbau-Kurse gegeben, häufig für Halbwüchsige, die das Jugendamt schickte. Denn das Spielen, so sagte Norbert Dobisch gerne, ist die natürliche Fortsetzung des Bauens.

„Du bist ein Liebling der Götter“, sagte eine chinesische Heilerin zu ihm, als der Krebs kam. Auch wenn sie sonst nichts tun konnte für ihn, dieser Satz gefiel ihm.

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