Wirtschaft : Nur wer gegen den Strom schwimmt, gelangt zur Quelle

Felix Schönauer

Wenn alle Analysten die gleiche Meinung haben, sollten Anleger aufpassen. Jahrelang war Veba der Liebling der Branche - bis zu der Gewinnwarnung 1998. Dort änderten die Profis ihre Meinung. Anleger, die spät eingestiegen waren, mussten einen Kurssturz von bis zu 40 Prozent miterleben. Wer daraus lernt, kommt bald auf den Begriff "Antizyklisch Investieren". Doch obwohl die Wissenschaft der Trendumkehr im technischen Sinn Erfolg bescheinigt, bekennen sich nur wenige Kapitalanlagegesellschaften dazu.

Dabei klingt die Strategie vernünftig: Suche nach unterbewerteten Unternehmen, Branchen oder Regionen, die aus ungerechtfertigten Gründen von den Anlegern schlechter behandelt werden als der Durchschnitt. Analysiere die Fundamentaldaten; sind sie gut, steige ein, und warte, bis der Markt das Potenzial erkennt und die Kurse steigen. Die Fiduka Depotverwaltung hat vier Fonds nach diesem Prinzip eingerichtet - je zwei mit Anleihen und Aktien. "Wir halten uns fern von Modetrends", sagt Eckart Keil, der auf Standardwerte vertraut. Im Stammarchiv der Gesellschaft, die der kürzlich verstorbene Börsenguru André Kostolany vor 25 Jahren mit gründete, befinden sich die Daten zu 150 Blue-Chip-Unternehmen weltweit. Fällt ein Quartalsergebnis einer starken Firma schlechter aus als erwartet und fällt der Kurs, ist das Papier reif für den Fiduka Universal-Fonds I.

So ist es dem Kopier- und Druckerhersteller Xerox ergangen, dessen Kurs kürzlich nach einer Gewinnwarnung um gut 25 Prozent gefallen ist. Nach Überprüfung der fundamentalen Daten war das ein Signal zum Einstieg. Das System sei langfristig weniger riskant, als bei zu hohen Kursen zu kaufen, sagt Keil, fügt jedoch an: "Wir sind oft zu früh dran." Hier liegt der Knackpunkt des antizyklischen Ansatzes: Was passiert dann, wenn der Markt das vermeintliche Potenzial eines Wertes nicht erkennt? Zum Beispiel weil der Wert aus der zweiten Reihe kommt, Anleger jedoch einzig und allein Blue Chips mögen? Dann liegen die Papiere wie Blei im Depot. "Es lohnt sich nur in Extremphasen, gegen die Masse zu handeln", rät deshalb Peter E. Huber von der PEH Wertpapier AG.

Die Gesellschaft hat drei antizyklische Fonds in ihrem Programm. Einer legt den Schwerpunkt auf weltweite Aktien, ein zweiter auf börsennotierte Fondsaktien aus den Emerging Markets sowie Hochzinsanleihen. Der dritte sucht Schnäppchen an den Rentenmärkten. Eine Investition kommt nur bei extrem negativer Stimmung in Frage. Der Markt oder die Aktie muss darüber hinaus zwischen 50 und 70 Prozent unter den Höchstkursen notieren. In seinem Fonds PH Royal setzt Huber auf geschlossene Fonds mit einem extrem niedrigen inneren Wert (einer Art Rücknahmepreis). Auch Huber betont immer wieder, wie risikolos der Ansatz ist - schließlich orientiere man sich auch an Fundamentaldaten. Gleichzeitig gibt er aber zu bedenken: "Sie haben keine Gewähr, dass ein Wert von der Börse entdeckt wird."

Deshalb gehen die Manager schrittweise in die Märkte. Nach einem Crash investieren sie nur einen Teil der geplanten Summe, um nicht gutes Geld schlechtem hinterherzuwerfen. Fällt der Markt weiter, müssen sie erneut prüfen. Der DAC-Kontrast-UniversalFonds der Universal Investment GmbH fährt einen härteren Kontrastkurs. Schon der Prospekt warnt, der Fonds habe "ganz sicher deutlich größere Risiken als ein Fonds, der ausschließlich Standardwerte enthält." Im Gegensatz zu den anderen setzen die Manager auch Stop-Loss-Marken bei 10 bis 15 Prozent. Obwohl sich im Portefeuille auch Aktien von Walt Disney, Nokia oder Sony befinden, legen die Manager den Schwerpunkt auf Werte aus der zweiten Reihe mit Wachstumsaussichten oder verkannte Perlen.

Die Wachstumsaussichten trennen die Spreu vom Weizen. Ein M-Dax-Wert wie Kali+Salz werde zwar mit seinem 2000er KGV von 7,5 selten billiger zu haben sein. Dennoch kommt er nicht in den Fonds: Die Story fehlt dabei. Zwar weichen die Ansätze der Depotmanager und ihre Empfehlungen sehr voneinander ab. Einigkeit herrscht unter den Managern aber darin, dass die Restrukturierung in Asien große Chancen birgt. Auch Europa halten die meisten für unterbewertet. Obwohl die Fonds eine gute Performance aufweisen, halten sich die Großen im Geschäft mit antizyklischen Ansätzen lieber zurück. Ausnahmen gibt es immer, wie zum Beispiel die Fondsgesellschaft Templeton, die sich die Anlage in unterbewertete Papiere auf die Fahne geschrieben hat.

Ein Grund könnte darin liegen, dass man in der Vergangenheit mit zyklischen Wachstumswerten schlicht mehr Geld verdienen konnte. Friedrich Menzel vom DAC Kontrast hat eine andere Theorie: Die Großen wollen nicht, dass ihnen zu viel Geld zufließt. Sie könnten damit den Markt bewegen. Dieser Aussage widerspricht Thomas Richter, Sprecher des Marktführers DWS: Nach unterbewerteten Papieren zu suchen, "das machen wir mit unseren Fonds doch grundsätzlich auch", sagt er. Aber: Man würfele nicht wahllos Blue Chips und kleine Werte zusammen, nur weil sie unterbewertet seien. Matthias Butzlaff, Sprecher des Bankhauses Metzler, sagt: "Unter dem Aspekt Produktwahrheit ist der Ansatz schwer durchzuhalten." Müssten die Gesellschaften nicht Aktien verkaufen, sobald sie wieder fair bewertet sind? Keil von der Fiduka sieht keinen Widerspruch: "Wenn sich an den Fundamentaldaten nichts ändert, halten wir das Papier auch jahrelang." Erst wenn es heiß laufe, müsse man ans Verkaufen denken. Meistens liege man richtig. Meistens. Huber: "Zum Tiefpunkt einsteigen und am Hochpunkt aussteigen können nur Lügner."

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