Wirtschaft : Öko-Aktien machen Gewinn ohne Gewissensbisse

SANDRA SCHUFFELEN (HB)

Das grüne Börsenbarometer "Nax" legt in zwölf Monaten um 33,8 Prozent zu / Kenner erwarten auch in Zukunft überdurchschnittliche GewinneVON SANDRA SCHUFFELEN (HB)In den vergangenen Jahren noch belächelt, erzielen sie heute lukrative Renditen: Aktiengesellschaften, die etwa mit Windkraft, Recycling oder Bio-Produkten ihr Geld verdienen.Zwanzig dieser Öko-Papiere sind im Natur-Aktien-Index kurz Nax notiert.Das grüne Börsenbarometer wurde im April vergangenen Jahres aus der Taufe gehoben und hat innerhalb der ersten zwölf Monate ein Plus von rund 33,8 Prozent erzielt. Mit diesem Ergebnis hat der Nax seine eigene Benchmark, den Weltaktienindex MSCI (Morgan Stanley Capital Index), um zwei Prozentpunkte knapp geschlagen."Mit einem derartigen Kursspurt hatte ich selbst nicht gerechnet", freut sich der Wiener Öko-Experte Max Deml, der den Nax im Auftrag des Münchner Monatsmagazins "Natur" entwickelt hatte.Dort und in der Tageszeitung "taz" können Anleger den Kursverlauf des Nax verfolgen.Aktuelle Notierungen liefert auch die internationale Finanzagentur Bloomberg, an deren Netz die meisten Banken hierzulande angeschlossen sind. Was die Kursentwicklung der Nax-Werte betrifft, ist Whole Foods Market mit einem Plus von 236 Prozent innerhalb von zwölf Monaten bisher absoluter Spitzenreiter.Mit mehr als 6000 Mitarbeitern und über einer Mrd.Dollar Jahresumsatz betreibt das US-Unternehmen die weltweit größte Kette von Naturkost-Einzelhandelsgeschäften.An zweiter Position liegt der dänische Windkraftanlagenbauer NEG Micon, dessen Aktienkurs sich seit April 1997 nahezu verdoppelt hat.Ein Kursgewinn von 67 Prozent erzielte Grontmij, ein niederländisches Beratungsunternehmen für Umweltprojekte. Auch künftig lassen offensichtlich gleich mehrere Nax-Werte überdurchschnittliche Kursgewinne erwarten.Für Jim Barrett, Finanzanalyst der New Yorker Firma Josephthal & Co., ist zum Beispiel der amerikanische Eiscreme-Produzent Ben & Jerrys ein klarer Kaufkandidat."Das Unternehmen hat international exzellente Wachstumsaussichten insbesondere in Ländern, in denen amerikanische Markenprodukte gefragt sind", sagt Barrett.Bei Ben & Jerrys begann vor 20 Jahren das Geschäft mit einer stillgelegten Tankstelle im Nordosten der USA: Dort hatten die Unternehmensgründer, ehemalige Hippies aus New York, ihre erste Eisdiele eröffnet.Die Firma engagierte Obdachlose als Franchise-Nehmer und baute die Eisfabrik zu einem ökologischen Vorzeigebetrieb aus.Heute setzt das Unternehmen rund 174 Mill.Dollar um."Wir schätzen, daß der Umsatz 1998 um zwölf Prozent auf rund 195 Mill.Dollar steigen wird", sagt Barrett. Für Daniel Cowan, Analyst bei Credit Lyonnais, ist der deutsche Recycling-Spezialist Sero Entsorgung ein Kaufkandidat.Obwohl die Aktie allein in diesem Jahr um rund 23 Prozent auf 46 DM zugelegt hat, werde der Wert im Vergleich zum Gesamtmarkt nach wie vor mit einem Abschlag von 30 bis 35 Prozent gehandelt."Das ist angesichts der überdurchschnittlichen Gewinnperspektiven der Gesellschaft nicht gerechtfertigt", meint Cowan.Sero profitiere von den neuen Abfallgesetzen, durch die sich in Deutschland das Volumen von Recycling-Abfall in den nächsten fünf bis sieben Jahren auf rund 700 Mill.Tonnen verdoppeln werde.Als Kursziel nennt Cowan für die nächsten sechs Monate 56 DM. Europäischer Marktführer im Papier-Recycling ist der österreichische Konzern Mayr-Melnhof, der zum Beispiel bei Anlageexperte Michael Richter, Epicon Asset Management, Wien, auf der Kaufliste steht.Richter rechnet in den nächsten sechs Monaten mit einem Kursanstieg der Aktie von jetzt 915 auf mindestens 1000 Schilling.Mayr-Melnhof produziert mit seinen weltweit rund 5000 Mitarbeitern über eine Mill.Tonnen Recycling-Karton. Auch Andreas Knörzer, Fondsmanager bei der Bank Sarasin in Basel, hat die Nax-Werte im Blick.Knörzer verwaltet das Anlagevermögen der Investmentfonds Oeko-Sar und Oeko-Vision, in denen zur Zeit insgesamt rund 165 Mill.DM investiert sind.Zu seinen Favoriten unter den Nax-Titeln zählen unter anderem Mayr-Melnhof, Grontmij, NEG Micon, Sero Entsorgung sowie die französische Gesellschaft Boiron, die sich auf die Herstellung homöopathischer Arzneimittel spezialisiert hat."Boiron ist auf diesem Gebiet unbestrittener Marktführer in Europa", erklärt Knörzer.Überdurchschnittliches Kurspotential räumt er auch dem spanischen Wasserversorger Aguas de Barcelona ein."Diese Aktie birgt außerdem vergleichsweise wenig Risiken, da sich das Geschäft ausschließlich auf Europa bezieht", so Knörzer. Ein interessanter Kandidat sei auch die polnische Umweltbank Ochrony, die durch die Vergabe von Umweltkrediten auf diesem Sektor eine große Hebelwirkung besitze und zudem eine vorbildliche Informationspolitik betreibe."Bei Ochrony ist uns der Kurs davongelaufen diese Chance haben wir verpaßt", räumt der Fondsmanager ein.Im Gegensatz zu der polnischen Bank lasse die Transparenz bei dem amerikanischen Schuhproduzenten Timberland zu wünschen übrig, kritisiert Knörzer: "Die Informationen fließen bei Timberland nur zögerlich.Und von den ökologischen Produktionsstandards bin ich auch nicht überzeugt." Skeptisch ist Knörzer auch für die Kursentwicklung des deutschen Strumpfherstellers Kunert.Gleiches gilt für die britische Einzelhandelskette Body Shop, einer der wenigen Nax-Titel, der in den letzten zwölf Monaten mit einem Minus (35 Prozent) abgeschlossen hat."Body Shop wird meiner Ansicht nach auch in Zukunft Probleme haben, im amerikanischen Markt Fuß zu fassen", sagt Knörzer.Zudem sei der Heimatmarkt Großbritannien gesättigt und die Konkurrenz der Warenhäuser steige.Nach wie vor überzeugt ist Knörzer dagegen von Tomra.Das norwegische Unternehmen sei weltweit wichtigster Hersteller von Rücknahmeautomaten für Pfandflaschen mit einem Marktanteil von über 90 Prozent."Insbesondere der Nachfrageanstieg in den USA sorgt für steigende Unternehmensgewinne." Für Anleger, die vorzugsweise in Fonds und nicht in einzelne Aktientitel investieren wollen, gibt es im übrigen bald eine zusätzliche Anlagealternative: Die Hamburger Gesellschaft Securvita hat einen Fonds konzipiert, der ausschließlich in Nax-Werte investiert und jetzt in Kooperation mit einer deutschen Fondsgesellschaft aufgelegt werden soll.Möglicherweise ein lohnender Ausflug ins Grüne.

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