Wirtschaft : Ökobank: Für 50 Mark verscherbelt

Rolf Obertreis

Selbst Ernst Welteke lässt sich das Ereignis nicht entgehen. Mit rund 2000 anderen Neugierigen pilgert der heutige Präsident der Bundesbank und damalige Vorsitzende der SPD-Fraktion im hessischen Landtag am 2. Mai 1988 ins Frankfurter Nordend. Auch er wollte dabei sein, wenn Deutschlands erste Alternativ-Bank ihre Pforten öffnet. Die erste Kundin ist eine 42-jährige Mutter: Mit ihrer Einlage von 200 Mark will auch sie zu "einer sauberen Umwelt und einem menschlicheren Arbeitsleben" beitragen.

Unten im Bankviertel wird das Treiben der Ökobanker wohlwollend belächelt, aber auch mit arroganten Kommentaren begleitet. "Was die wollen, ist die Quadratur des Kreises", sagte Helmut Guthardt, der damalige Chef der DG Bank. Unverzinste Geschäftsguthaben, Zinsverzicht, günstige Kredite für die Alternativwirtschaft, wie sollte das gut gehen? Und es wird in der Tat nicht einfach für die "grüne" Bank. Schon 1990 droht wegen wackeliger Kredite das Ende. Aber die Ökobank bekommt die Probleme besser in den Griff als erwartet. 1993 schreibt sie erstmals schwarze Zahlen. Zwar stehen nur bescheidene 12 150 Mark unter dem Strich, dafür wächst der Respekt für die Ökobanker bei den Großbanken. 21 000 Mitglieder, 33 000 Kunden und eine Bilanzsumme von 182 Millionen Mark kann die Bank verbuchen. "Die Akzeptanz ist da, unser Konzept ist aufgegangen", freut sich Vorstandsmitglied Oliver Förster.

1998 ist er geradezu euphorisch. Die Gewinne der Bank steigen auf fast eine halbe Million. Sie hat Filialen in Frankfurt, Berlin und Freiburg, bietet alle üblichen Bankgeschäfte an, fördert alternative und soziale Projekte, managt Windkraftfonds und hat mit Ökovision einen erfolgreichen Umwelt-Investmentfonds aufgelegt. Und sie hat mit der Südwestdeutschen Genossenschafts-Zentralbank (SGZ-Bank) einen Partner aus dem traditionellen Bankenlager gefunden. Doch dann hatte die alternative Erfolgsgeschichte ein Ende.

Seit gut einem Jahr ist nicht nur Förster seinen Job los: "Die Ökobank ist tot. Mausetot", sagt ein ehemaliges Gründungsmitglied heute. Drei Großkredite, die sich im Herbst 1999 als faul herauskristallisieren, leiten den Anfang vom Ende ein.

Kreditrisiken unterschätzt

Die Ökobanker haben Risiken unterschätzt, zu lasch geprüft. Allerdings nicht alleine, sondern gemeinsam mit der SGZ, die das Geld mit ausgeliehen hatte. Aber dort schiebt man die Schuld auf die Ökobank. Diese steht 1999 am Rand des Ruins. Auf 17 Millionen Mark summiert sich der Ausfall. Die Sicherungseinrichtung der Volks- und Raiffeisenbanken rettet die Ökobank mit einer Geldspritze von elf Millionen Mark. Vorerst. Das Heft haben die Ökobanker spätestens seit diesem Zeitpunkt nicht mehr in der Hand: Der Bundesverband der Volks- und Raiffeisenbanken (BVR), der hessische Genossenschaftsverband und das Bundesaufsichtsamt für das Kreditwesen (BaKred) bestimmen das Geschehen. Denn fast nichts läuft bei der Ökobank in ordentlichen Bahnen, abgesehen vom Investmentfonds Ökovision. "Es gab keinen gewerblichen Kredit, der keinen Fehler hatte", räumt heute ein Alt-Ökobanker selbstkritisch ein. Vorstände kommen und gehen, Mitarbeiter verlassen fluchtartig das Unternehmen und die hessischen Verbandsvertreter haben nur ein Ziel: Die Ökobank platt zu machen, sagen heute ehemalige Ökobanker. Die heute noch amtierenden Vorstände Wolfram Herath und Wolfgang Mai, zwei erfahrene Kreditsanierer und Bankabwickler, seien nur mit diesem Auftrag geholt worden. "Auch die machen massenhaft Fehler im Kreditgeschäft", sagen Insider. Das eigentliche Bankgeschäft lassen sie schleifen, suchen nach allen nur erdenklichen Schwachpunkten, lauten die Vorwürfe. "Hochgeprüft", nennt das ein Aufsichtsrat-Mitglied der Bank. So steht am Ende des Geschäftsjahres 2000 ein weiterer Verlust von 15 Millionen Mark. Gleichzeitig werden alle stillen Reserven der Ökobank herausgekehrt, die Substanz des Institutes getilgt, Töchter stillgelegt, Ökovision wird für sechs Millionen Mark verkauft.

Auf der Vertreterversammlung Mitte November wird auch dem letzten Ökobanker klar, dass kaum noch etwas zu retten ist. Die Öffentlichkeit aber führt Herath an der Nase herum: Die Lage der Bank normalisiere sich wieder, lässt er mitteilen. Die Ökobank werde erpresst, heißt es auf der Versammlung. Fast 130 Millionen Mark als Ausgleich und noch einmal über 500 Millionen Mark als Bürgschaft habe der BVR für die marode Berliner Volksbank locker gemacht. Für die Ökobank waren es gerade mal elf Millionen.

Nachdem die geplante Fusion mit der GLS Bank in Bochum geplatzt ist, liegt der Liquidationsbeschluss auf dem Tisch. Das eigentliche Bankgeschäft dümpelt seit Anfang 2000 vor sich, bringt nicht den notwendigen Gewinn. Am 15. Mai droht das BaKred mit der Schließung. Die Auslagerung des Bankgeschäftes und damit der eigentlichen Ökobank an die Bankaktiengesellschaft (BAG) Hamm ist die einzige Lösung. Es ist faktisch das Aus: Die BAG Hamm ist ein Spezialinstitut für die Abwicklung fauler Kredite.

Mitglieder haben Kapital verloren

Auf dem Papier wird die Ökobank für 50 Mark verkauft. Die Vertreterversammlung der Ökobank-Genossenschaft wird am 30. Juni dem Vorschlag der Sanierer zustimmen müssen. Nur so kann das restliche Kapital der rund 25 000 Genossen von zehn Millionen Mark gerettet werden. Sechs Millionen sind ohnehin schon weg.

Dass ihre Einlagen wirklich sicher sind, glauben viele Kunden längst nicht mehr. In Freiburg lösten zuletzt gleich mehrere Dutzend ihr Konto auf. Dass das Ende kommt, war für Insider freilich längst klar: "Als Herath im September kam, hat er den Zahlencode an der Tür zu den Ökobank-Büros im Frankfurter Bankhofsviertel geändert - auf 3006.".

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