Ökostrom : Die grüne Vision

Laut einer Studie könnte Deutschlands Strombedarf in elf Jahren fast zur Hälfte durch erneuerbare Energien gedeckt werden. Wind-, Solar- und Biokraftanlagen würden Atomkraftwerke ersetzen.

Kevin P. Hoffmann
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BerlinBerlin - Die atomfreie Zukunft steckt in einem gelben Zipfel. Der versteckt sich ganz klein in der Grafik. Er bedeutet: Im Jahr 2020 kommt nur noch ein Prozent des Stroms in Deutschland aus Atomkraft. Heute sind es 22 Prozent. Es könnte vielleicht der Meiler Neckarwestheim II sein, der dann noch ein bis zwei Jahre vor sich hin strahlt. Dann fährt auch er runter. In elf Jahren soll sich Deutschland fast zur Hälfte mit erneuerbaren Energien versorgen – vor allem durch Wind, Bioenergie und Sonne. Den restlichen Strom liefern Kraftwerke, die Kohle und Erdgas verbrennen.

So könnte die Energiewelt in nicht allzu ferner Zukunft aussehen, glaubt die Ökostrom-Lobby. Der Bundesverband der Erneuerbaren Energien (BEE) hat am Mittwoch in Berlin eine Studie präsentiert, die von Experten aus seinen Mitgliedsverbänden erstellt wurde. Das Papier zeigt auf, wie sich die einzelnen Energiebranchen entwickeln könnten, wenn man sie denn ließe. „Dieses Szenario ist nur gegeben, wenn die Rahmenbedingungen stimmen“, sagte BEE-Präsident Dietmar Schütz. Und da liegen natürlich, wie bei jeder Prognose, die Knackpunkte.

Zentrale Voraussetzungen dafür, dass sich der Sektor der Erneuerbaren von derzeit 15 auf 47 Prozent der Stromproduktion mehr als verdreifacht, wären zum Beispiel, dass die Förderung über das Erneuerbare Energien Gesetz (EEG) „erhalten und fortentwickelt“ wird. Das EEG gilt in seiner aktualisierten Fassung seit vier Wochen. Jeder Stromkunde finanziert die Branche derzeit mit einem Cent pro verbrauchter Kilowattstunde, was rund 35 Euro im Jahr für einen Durchschittshaushalt entspricht. Außerdem müsste die Politik am von der rot-grünen Bundesregierung im Jahr 2000 beschlossenen Atomausstieg festhalten.

Auch die externen Faktoren, auf die die Politik kaum Einfluss hat, müssen stimmen. So erwarten die Autoren der Studie, dass die Preise für Uran und Kohle steigen. Beim Rohölpreis, der ja auch den für Erdgas beeinflusst, geht die Studie von 200 Dollar pro Barrel im Jahr 2020 aus. Zumindest dieser Ausblick scheint realistisch, bedenkt man, dass der Preis im vergangenen Sommer schon 147 Dollar erreichte, auch wenn er wegen der Krise derzeit um 40 bis 45 Dollar pendelt. Grundsätzlich kann niemand bestreiten, dass fossile Rohstoffe endlich sind, Wind und Sonne dagegen unendlich und vor allem kostenlos vorhanden.

Politik und Rohstoffmärkte sind das eine, das praktisch unberechenbare Wetter ist das andere. Was, wenn die Sonne nicht scheint und Flaute herrscht? Die BEE greift diesen alten Vorbehalt gegen die erneuerbaren Energien auf. Auch die Antworten sind nicht wirklich neu: Sie lauten Speicher und Netze. Als Speicher dienen Stauseen. In Zeiten, in denen viel Wind weht und keine Sonne scheint,will man mit Überkapazitäten Pumpen antreiben, die Wasser in die Seen pressen. In Flaute-Zeiten wird das Wasser wieder zu Tal gelassen und treibt Generatoren an. Da es in Deutschland vermutlich nicht genügend Speicher dieser Art gibt, verweisen die Autoren der Studie auf Länder wie Norwegen, Österreich und die Schweiz. Über Tiefseekabel könnte man im Winter Windstrom in norwegische Seen pumpen und im Sommer abrufen.

Da Wind-, Solar- und Biokraftanlagen kleiner und dezentraler aufgestellt sind als konventionelle Großkraftwerke, kommt den Netzen eine spezielle Rolle zu. Diese müssen ausgebaut werden, um besser zu erkennen, wann wo wie viel Strom gebraucht wird.

Hilfe bei dem Punkt könnte von der EU kommen. Während die BEE-Experten am Mittwoch ihre Ideen skizzierten, stellte die EU-Kommission zeitgleich in Brüssel ein fünf Milliarden Euro schweres Investitionsprogramm zum Ausbau der Energie- und Breitbandnetze vor. Allein 150 Millionen Euro will die Kommission für Bau und Anbindung zweier deutscher Offshore-Windparks bereitstellen. 50 Millionen sollen in den Ausbau einer Leitung zwischen Halle und Schweinfurt fließen. Und 250 Millionen Euro gibt es für eine Pilotanlage zur Kohlendioxid-Abspaltung im brandenburgischen Jänschwalde. Diese Technik basiert nicht auf einer Vision aus der Ökostrombranche. Die Anlage gehört dem traditionellen Stromkonzern Vattenfall.

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