Wirtschaft : Ölfirmen auf der Reise nach Jerusalem

BERLIN (uwe/jsn/HB).Als Anfang Oktober die zwanzig verbliebenen Ölkonzerne der Welt in Venedig zum Klausurtreffen zusammenkamen, spielten sie so etwas wie die Reise nach Jerusalem.Der Unterschied zum Kinderspiel - das immer einen Teilnehmer mehr als Stühle zum Sitzen hat - war, daß alle schon wußten, daß für Mobil am Ende kein Stuhl mehr übrig sein würde.Nach der Fusion von BP und Amoco im August hatten sich die Mobil-Manager aktiv auf die Partnersuche gemacht.Ob beim nächsten Treffen noch ein Stuhl für Texaco gesucht werden muß, ist ebenfalls zweifelhaft.Denn dieses Unternehmen gilt als Übernahmekandidat Nummer zwei in einer Branche, die durch weltweite Fusionen und Konzentration geprägt ist.Der Favorit für die Übernahme, vorausgesetzt, der Zusammenschluß von Exxon und Mobil kommt zustande: Royal Dutch/Shell, das jetzt zweitgrößte Unternehmen der Branche.

Das Thema in der Branche heißt im Gegensatz zu den anderen Fusionen dieser Woche nicht etwa wachsen, sondern Einsparpotentiale nutzen.Denn die Aussichten dafür, daß der Ölpreis bald wieder steigen könnte, haben sich in dieser Woche ebenfalls zerschlagen, nachdem die Opec-Staaten keine neue Fördermengenvereinbarung gefunden haben.Sich im Einzelhandel gegenseitig Marktanteile abzujagen, ist ebenfalls zu einem schwierigen Geschäft geworden: Kaum ein Autofahrer weiß beispielsweise,wo er getankt hat, wenn er die Tankstelle hinter sich gelassen hat.Jeder Tankstellenpächter dagegen berichtet, daß er inzwischen mindestens ein Drittel seines Geschäftes mit Snacks und Zeitungen und nicht mehr mit Benzin macht.

Für die großen Gesellschaften heißt das: Wer nicht mindestens einen Marktanteil von fünf Prozent auf den wichtigsten Märkten habe, sei gut beraten, sich auf Nischenprodukte zu konzentrieren, meinen Branchenkenner.Erschwert wird der Erfolg aus eigener Kraft, weil der Ölpreisverfall die Gewinnspannen der Unternehmen frißt und die Energiesteuern Verbraucher reizen, Benzin zu sparen.

Sollten jetzt Exxon und Mobil zusammengehen, ensteht in der Weltölindustrie ein Spitzenreiter mit großem Abstand: Royal Dutch/Shell und BP/Amoco sind im Vergleich zum Marktführer auf den nächsten beiden Rängen fast Leichtgewichte.Ob allerdings in der Branche, die seit Rockefeller von Giganten geprägt wird, Effizienz und die Flexibilität durch Zusammenschlüsse wirklich steigen, muß sich im Markt zeigen.Zwar haben BP und Amoco als Grund für ihre Fusion angegeben, daß sie vom Jahr 2000 an jährlich rund zwei Milliarden Dollar sparen könnten.Möglicherweise aber befürchtete Exxon nur, daß der zweite Großkonzern, Royal Dutch/Shell, andernfalls zuschlagen würde.Verlegenheitsfusion heißt so etwas inzwischen respektlos.

Zumal die beiden Unternehmenskulturen nur als bedingt miteinander vereinbar gelten: Während Exxon unter seinem Chef Lee Raymond als extrem konservativ gilt, steht ihm mit Mobil-Chef Licio Noto ein aggressiver Kostensenker gegenüber, sagten Analysten gestern.

Eine Entscheidung aus der Defensive oder eine Weichenstellung für die Offensive - beides ist möglich.Unbestritten ist, daß durch die Zusammenfassung der breit gestreuten Energieaktivitäten strategische Vorsprünge gegenüber der Konkurrenz erobert werden können.Insbesondere durch ihr relativ großes Gasengagement bringt Mobil aus diesem Sektor erhebliches Know-how in die Ehe ein.In Deutschland ist Mobil nach eigenen Angaben der zweitgrößte Prodzent heimischen Erdgases.Das neue fusionierte Unternehmen könnte die weltweiten Aktivitäten beim Öl- und Gasabsatz optimieren und die Vertriebsbereiche straffen.

Komplikationen in Europa drohen den Zusammenschlußwilligen allerdings durch die Tatsache, daß Mobil hier mit BP zusammenarbeitet.In Deutschland wäre von einer Fusion von Exxon und Mobil die älteste deutsche Mineralölgesellschaft Esso betroffen.Das Unternehmen, mit 1500 Tankstellen einer der großen Unternehmen, ist eine 100prozentige Tochter von Exxon.

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