Wirtschaft : Ölmärkte: Große Nervosität unter den Ölhändlern

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Auf den Ölmärkten herrscht wegen der Nahostkrise große Unruhe. Am Freitag schwankte ein Barrel Öl (159 Liter) der Marke Brent um die 34 Dollar. Am Donnerstag hatte der Ölpreis mit 35,30 Dollar den Zehnjahres-Rekord gebrochen. Marktbeobachter halten Preise von 50 Dollar für möglich. Die Ölhändler sind nervös, denn sie fürchten, die islamischen Ölförderländer könnten in den Nahost-Konflikt geraten und ihr Angebot daraufhin drosseln.

"Die Stimmung ist explosiv", berichtete Wolfgang Häuser, Öl-Experte von der BHF-Bank. Im Moment beeinflusse jede politische Äußerung den Preis. Der vermutliche Anschlag auf die britische Botschaft in Jemen trieb den Preis am Freitag wieder auf das Niveau von 35 Dollar/Barrel. Am Donnerstag war der Preis innerhalb weniger Minuten um mehr als 2,50 Dollar nach oben geschnellt, nachdem sich die Nachricht vom Angriff auf einen US-Zerstörer im Golf verbreitet hatte. Auch Andeutungen eines Golfstaates, weniger Öl anzubieten, könnten den Ölpreis über 40 Dollar pro Barrel der Marke Brent treiben, meinte Ölexperte Häuser. Julian Lee von dem Londoner Centre of Global Energy Studies (CGES) sagte auf Anfrage, er halte einen Preis von 50 Dollar pro Barrel für möglich, falls sich die Spannungen zwischen Israelis und Palästinensern verschlimmern. Für das nächste Jahr rechnen das CGES und die BHF-Bank trotz der augenblicklichen Spannungen immer noch mit Ölpreisen von im Schnitt unter 30 Dollar.

Auch unter dem derzeitigen Preisdruck will die Europäische Union die Ölreserven nicht angreifen. "Wir haben eine Preiskrise, keine Versorgungskrise", sagte Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) am Freitag auf dem EU-Gipfel in Biarritz. Ähnlich äußerte sich der französische Premierminister Lionel Jospin. Schröder plädierte dafür, dass Europa zur Sicherung der Energieversorgung langfristig mit Russland kooperiert.

Nach wie vor spiegelt der hohe Ölpreis nicht die Ölvorräte auf der Welt wider. Darauf hat die Internationale Energie Agentur (IEA) schon in den letzten Monaten immer wieder hingewiesen. Ein fairer Marktpreis liegt Schätzungen zufolge bei 25 Dollar pro Barrel. Am Freitag sagte der stellvertretende IEA-Direktor Bill Ramsey in Paris, die Vorratslage in den wichtigsten Industriestaaten habe sich inzwischen verbessert. "In allen Verbraucherländern werden die Vorräte wieder aufgefüllt." Ramsey warnte vor Panik. Schließlich hätte die Gewalt in Nahost mit Öl nichts zu tun. "Ich habe bisher noch nichts von einer Öldrohung gehört", sagte er. Vergleiche mit dem Jom-Kippur-Krieg von 1973 seien nicht gerechtfertigt. Während dieses Krieges zwischen Israel auf der einen und Ägypten und Syrien auf der anderen Seite hatten die arabischen Ölförderer ihr Angebot stark gedrosselt. Wie sich der Ölpreis kurzfristig entwickelt, könnten zur Zeit die Diplomaten in den Außenministerien am besten beurteilen, sagte Bill Ramsey von der Internationalen Energie Agentur.

Keiner der befragten Marktbeobachter geht indes davon aus, dass eines der Ölförderländer seine Liefermengen aufgrund der Krise in Nahost drosseln wird. Das seien übertriebene Ängste an den Märkten. Aus Saudi-Arabien nahe stehenden Kreisen hieß es am Freitag, kein Staat am persischen Golf plane Exportbeschränkungen, um etwa die USA für ihre Unterstüztung Israels im Konflikt mit den Palästinensern zu strafen.

Die Märkte sind trotzdem sehr nervös. Schon am Donnerstag hatte US-Energieminister Bill Richardson vergeblich versucht, die Händler mit einer Zusicherung zu beruhigen, dass die Ölförderländer ihre Vorräte nicht drosseln würden. Saudi-Arabien, der Irak und Iran spielen in der globalen Ölversorgung eine Schlüsselrolle. Nach Meinung der befragten Marktbeobachter ist der Irak zur Zeit der einzige Kandidat, der mit dem Gedanken spielen könnte, weniger Erdöl anzubieten.

Die gestiegenen Ölpreise haben die deutschen Energiepreise noch nicht erfasst. "Dazu ist es noch zu früh", sagte Karl-Heinz Schult-Bornemann von der Esso in Hamburg. Nach Worten von Shell-Sprecher Rainer Winzenried könnten die Würfel Anfang kommender Woche fallen, falls der Ölpreis bis dahin nicht wieder sinke. Für den Aufschwung in Deutschland und in der Eurozone ist der aktuelle Ölpreis-Anstieg nach Einschätzung der Deutschen Bundesbank keine Gefahr, wie Bundesbank-Chefvolkswirt Hermann Remsberger sagte.

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