Offener Brief : "Wir liegen oft wach und grübeln"

Die Kinder des Drogeriemarktgründers Anton Schlecker gehen mit einer persönlichen Erklärung an die Öffentlichkeit. Darin schreiben sie über die Insolvenz und ihr angebliches Millionenvermögen.

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Lars und seine Schwester Meike Schlecker.
Lars und seine Schwester Meike Schlecker.Foto: dpa

Berlin - Die E-Mail landete am Freitagnachmittag im Posteingang, kommentarlos, versandt von der Pressestelle der insolventen Drogeriemarktkette Schlecker. Unter dem Titel „Persönliches Statement Meike und Lars Schlecker“ nehmen Anton Schleckers Kinder darin Stellung zu den Vorwürfen, die gegen die Familie in den vergangenen Wochen erhoben wurden. Und sie reagieren damit auf die unzähligen Gesprächsanfragen der Presse, die sie stets abgelehnt hatten. Die Kinder hätten sich entschieden, keine exklusiven Interviews zu geben, sondern allen gleichberechtigt Auskunft zu geben, hieß es in der Pressestelle. Doch viele Fragen bleiben in dem Brief, der sich vor allem mit dem Vermögen der Familie beschäftigt, unbeantwortet.

„Es ist nichts mehr da“, diesen Satz hatte Meike Schlecker im Januar bei der Pressekonferenz zum Insolvenzantrag über das Vermögen ihres Vaters gesagt. In den vergangenen Wochen waren daran Zweifel aufgekommen. Es gab Gerüchte, Anton Schlecker hätte Logistikzentren und andere Vermögenswerte an die Kinder übertragen und dadurch der Insolvenzkasse entzogen. Aber gerade zu diesen brisanten Vorwürfen äußern sich Lars und Meike Schlecker jetzt nicht. Sie erklären lediglich, dass Übertragungen aus den vergangenen zehn Jahren, die im Sinne des Insolvenzrechtes rückübertragen werden müssten, „selbstverständlich diskutiert und gegebenenfalls auch rückübervergütet“ werden. Man kooperiere mit dem Insolvenzverwalter.

Ein signifikantes Vermögen, das die Insolvenz hätte verhindern oder die Restrukturierung sichern können, habe es nicht gegeben. „Unser Vater, Anton Schlecker, und die Anton Schlecker e. K. sind berechtigterweise in die Insolvenz gegangen“, schreiben Lars und Meike Schlecker. Der Vater besitze nichts mehr. „Vom Sportwagen bis zur schönen Uhr hat er alles als Teil der Insolvenzmasse abgeben müssen“, schreiben die Kinder. Für die Familie gilt das allerdings nicht: „Unsere Mutter hat mit unserem Vater Gütertrennung vereinbart und auch wir, die Kinder Meike und Lars Schlecker, verfügen über ein eigenes Vermögen.“ Nun werde man den Vater unterstützen, „mit unseren eigenen Mitteln, die wir rechtmäßig besitzen, denn Sippenhaft gibt es im deutschen Recht nicht“.

Wie viel sie noch besitzen, verraten Lars und Meike Schlecker aber nicht, mit dem Verweis, ihr Vermögen sei schließlich „Privatsache“. Die kursierenden Zahlen aber lägen „merklich über der Wirklichkeit“. Das „Handelsblatt“ hatte über ein Vermögen der Familie in Höhe von 35 bis 40 Millionen Euro berichtet. Auch sie hätten, so wollen Lars und Meike Schlecker „richtigstellen“, in den vergangenen Jahren und durch die Insolvenz „das Allermeiste verloren“.

Zudem hätten sie massiv Gelder in die Firma eingebracht, schreiben die Kinder, und nennen hier erstmals konkrete Zahlen. Bei Schlecker seien als private Einlagen jeweils rund 49 Millionen Euro eingeflossen, über die Dienstleistungsgesellschaft, die nun ebenfalls insolvent ist, rund 64 Millionen Euro. Dieses Geld werde man „sicherlich nicht zurückbekommen“, schreiben Lars und Meike Schlecker, und machen damit den anderen Gläubigern des Unternehmens wenig Hoffnung. Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz hatte die bisher aufgelaufenen Forderungen der Gläubiger auf 665 Millionen Euro beziffert, es könnten bis zu 800 Millionen werden.

In dem Brief machen die Kinder auch den Lieferanten Vorwürfe. Zwar sei die Insolvenz „sicher auch das Ergebnis unternehmerischer Fehlentscheidungen der vergangenen Jahre“ gewesen, heißt es im Schreiben. „Wir haben zu spät begonnen, konsequent und mit allem Nachdruck gegenzusteuern.“ Die eigentliche Insolvenz hingegen habe sich innerhalb sehr kurzer Zeit zugespitzt. „Hier ging es um restliche Lieferantenkredite und wir hatten auf eine Fortsetzung der entsprechenden Linie gesetzt.“ Die Einkaufsgemeinschaft Markant, wichtigster Lieferant von Schlecker, hatte im Januar einen zweistelligen Millionenbetrag eingefordert, kurz darauf musste die Drogeriekette Insolvenz anmelden.

Auch an der FDP und an der Gewerkschaft Verdi äußern die Schlecker-Kinder indirekt Kritik. „Es ist schade, dass die Verhandlungen mit den hoch und ernsthaft interessierten Investoren schließlich vor allem wegen der nicht vorhandenen Möglichkeit, die Personalkosten signifikant zu senken, und dann am Nichtzustandekommen der Transfergesellschaft gescheitert sind“, schreiben die beiden. Wegen des Widerstands der Bundesländer mit einem FDP-Wirtschaftsminister hatte es schließlich keine Transfergesellschaft für die 11 000 Mitarbeiter aus der ersten Entlassungswelle gegeben. Durch die Auffanglösung sollte auch Rechtssicherheit für Investoren geschaffen werden. In der Folge des Scheiterns klagten rund 4500 Mitarbeiter gegen die Kündigung – Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz nannte dies als einen Grund für das Scheitern der Verkaufsverhandlungen.

Mit Verdi hatte Geiwitz wochenlang über einen Sanierungsbeitrag gestritten, ohne zu einer Einigung zu kommen. In der Insolvenz sei die Gewerkschaft „in der Rolle des Verteidigers des Flächentarifvertrags“ gefangen gewesen, klagen die Schlecker- Kinder. Den Insolvenzverwalter lobten sie ausdrücklich. Arndt Geiwitz habe „sehr engagiert gekämpft“.

Die Kinder des Patriarchen geben sich in ihrem Brief betroffen. „Es ist ein Schock, eine Tragödie und ein Desaster“, schreiben sie zur Pleite der Drogeriemarktkette mit zuletzt mehr als 25 000 Mitarbeitern und 5400 Filialen. Das Lebenswerk der Eltern sei zerbrochen. „Aber auch wir Kinder liegen oft wach und grübeln.“ Besonders schmerze das Schicksal der Mitarbeiter, ihnen gehörten Dank und Mitgefühl, schreiben Lars und Meike Schlecker. Dass man ihnen nun keine sicheren Arbeitsplätze mehr bieten könne, „das tut uns am meisten leid“.

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