ORTSTERMIN : Bittere Wahrheiten

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Volker Kauder, Chef der Unionsfraktion im Bundestag, rühmte unlängst, in Europa würde nun Deutsch gesprochen, um zu demonstrieren, wie sich die Stabilitätspolitik der Kanzlerin durchgesetzt habe. Tatsächlich ist die Sprache des Kontinentes, will er sich verständigen, Englisch, und diese Lingua franca nutzten sowohl EADS-Chef Louis Gallois als auch der Erste Pilot der Air Berlin, Hartmut Mehdorn, als sie in der DZ-Bank am Pariser Platz über Herausforderungen an und Strategien für Europas Industrie sprachen. Vor allem Gallois bot dabei eine aus seiner Sicht deprimierende Analyse der französischen Industrie im Vergleich zur deutschen. Sie sei auf Mittelklasse, nicht auf Spitzenprodukte eingestellt und deshalb der Konkurrenz der Billiglohnstaaten hilflos ausgeliefert. Auch deshalb habe Frankreich zwischen 2000 und 2010 fast 500 000 Industriearbeitsplätze verloren. Die mittelständische Industrie, Deutschlands Stärke, fehle in seiner Heimat, beklagte der Manager. Außerdem habe die Industrie in Frankreich kein gutes Image. Schulen und Universitäten bildeten dafür nicht gut genug aus, stellte der Absolvent der Eliteschulen ENA und HEC fest. Dennoch empfiehlt Gallois Deutschland nicht als Modell für Frankreich. Ein Orientierungsmaßstab sei der große Nachbar im Osten aber allemal. Dem stimmte auch Hartmut Mehdorn zu, der in Frankreich einen zweiten Wohnsitz hat und mit einer Französin verheiratet ist, also als Kenner beider Mentalitäten urteilen konnte.

Dass Gallois die Unstimmigkeiten mit Deutschland über Entscheidungsfindungen bei EADS im Gespräch klären will, blieb allerdings sehr im Ungefähren. Das mag am ungewohnten Englisch liegen.

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