ORTSTERMIN : Schockbilder im Testlauf

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Berlin - Verfaulte Zähne, schwarze Lungen – rund die Hälfte der Schachteln im Zigarettenregal hat Janine Schulzki mit Ekelbildern und Warnhinweisen nach australischem Modell dekoriert. „Sind das die neuen Zigaretten?“, fragt ein alter Mann, der den Tabakladen am Hausvogteiplatz betritt. „Kinder können Sie hier dann aber nicht mehr reinlassen“, sagt er zu Inhaberin Schulzki, die auch Süßwaren, Getränke und Zeitungen verkauft. Sie ist eine von rund 8000 deutschen Tabakfachhändlern, die Sorge um ihr Geschäft haben, für den Fall, dass die EU die Tabakrichtlinie wie geplant verschärft.

Bislang sind 30 und 40 Prozent der Vorder- beziehungsweise Rückseite von Zigarettenschachteln mit Warnhinweisen bedruckt. Ab 2015 könnten es jeweils drei Viertel sein, die für Schockbilder und Warnhinweise reserviert sein müssen – vorausgesetzt, EU-Parlament und Mitgliedstaaten stimmen zu. Mentholzigaretten will Gesundheitskommissar Tonio Borg vollständig verbieten, nikotinhaltige E-Zigaretten wie Medikamente behandeln. Die Bilder von Raucherlungen oder Krebsgeschwüren wären EU-weit Pflicht, auch wenn es national Gestaltungsspielraum gäbe. Von der zwischenzeitlichen Idee, Zigaretten nicht mehr offen in Geschäften auszulegen, rückte Brüssel ab – das hätte den Kippenkauf für junge Menschen nur unnötig cool gemacht, so die Überlegung. Jährlich sterben in der EU knapp 700 000 Menschen an den Folgen des Rauchens.

„Ich gehe davon aus, dass die Schockbilder auch in Deutschland kommen“, sagt Schulzki, die in Berlin zwei Tabakläden betreibt. Nach eigenen Angaben macht sie die Hälfte des Umsatzes mit Zigaretten und Schnitttabak. Mit den neuen Beschränkungen könnte der Umsatz um bis zu 30 Prozent einbrechen, fürchtet die Geschäftsfrau. Zwischen 30 und 50 Cent verdient sie an einer Schachtel Zigaretten. Ihre plakative Aktion ist Teil einer Kampagne, die unter anderem Tabakeinzelhandel, Zigarettenindustrie und Marlboro-Hersteller Philip Morris ins Leben gerufen haben. Mit der Gewerkschaft Nahrung Genuss Gaststätten sind auch Arbeitnehmervertreter dabei. Bis zu 25 000 Jobs im Einzelhandel seien gefährdet.

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