Wirtschaft : Orwo-Schicksal droht auch weiteren Mandermann-Firmen

EBERHARD LÖBLICH

Das Aus für den ehemals zweitgrößten Filmhersteller der WeltVON EBERHARD LÖBLICH MAGDEBURG.Für die Mitarbeiter der Orwo Filmfabrik Wolfen war es ein freier Fall aus allen Wolken der Illusion.Bis 1999, vielleicht sogar bis zum Jahr 2000 wähnten sie sich auf der sicheren Seite, erst dann sollte dem Unternehmenskonzept Heinrich Mandermanns zufolge der Break-even erreicht sein.Der Schock der am Donnerstag beantragten Gesamtvollstreckung traf sie deshalb vollkommen unvorbereitet.Lapidar teilte ihnen Orwo-Vorstandsmitglied Jürgen Brandt das Aus mit.Von Anfang an hatte sich der Investor Heinrich Mandermann verbeten, als Wohltäter für die Filmfabrik angesehen zu werden.Dabei war der 76jährige Orwo aus alten Zeiten innig verbunden, war er doch während der deutsch-deutschen Teilung Alleinimporteur für Orwo-Filme in der Bundesrepublik. Daß er dem Unternehmen, das einst der zweitgrößte Filmhersteller der Welt war, nun vorzeitig den Geldhahn zugedreht hat, liegt daran, daß Mandermann seine Dinge zu ordnen begonnen hat.Der Mann, der sich in den 80er Jahren unter anderem durch die Übernahme und Sanierung der ebenso traditionsreichen wie konkursreifen Rollei-Werke in Braunschweig einen Namen gemacht hatte, schien der Treuhand der einzige, der Reste von Orwo zu retten in der Lage war.Quasi aus der Konkursmasse kaufte Mandermann den Bereich Konfektionierung und begann mit rund 140 Mitarbeitern, Filme anderer Hersteller unter dem Signet Orwo zu konfektionieren und zu verpacken.Erst Anfang des Jahres hatte Mandermann gemeinsam mit Sachsen-Anhalts Regierungschef Reinhard Höppner zudem ein Großlabor mit 60 Beschäftigten in Betrieb genommen.Dieses Labor, das zu den modernsten Foto-Finisher-Betrieben in Deutschland gerechnet wird und von der Gesamtvollstreckung ebenfalls betroffen ist, hätte zwei Mill.Filme jährlich entwickeln, 60 Mill.Prints produzieren können. Mandermann selbst hatte nach Abschluß des Geschäftsjahres 1996 noch Erfolge aus Wolfen gemeldet.Durch den Verkauf von drei Mill.Kleinbildfilmen seien die Verluste 30 Prozent geringer ausgefallen als in der mittelfristigen Unternehmensplanung vorgesehen.Daß trotz des positiven Trends jetzt das Aus folgt, liegt in der Person Mandermann selbst begründet.Die graue Eminenz des Familienkonzerns nahm zwar in seinen Unternehmen schon seit langem keine Vorstandsposition mehr ein, zog aber stets aus dem Hintergrund die Fäden.Dazu ist Mandermann immer weniger in der Lage.Der 76jährige ist schwer erkrankt und hat nun offenbar begonnen, seine Angelegenheiten abschließend zu ordnen.Die Gewinne, die bei der ebenfalls zur Mandermann-Gruppe gehörenden Jos.Schneider Feinwerktechnik in Dresden produziert werden, sollen künftig offenbar in die Kasse des Familienclans fließen.Die Dresdner Mandermann-Firma, so die ursprüngliche Planung, sollte bis zur Jahrtausendwende die Verluste von Orwo decken.Mandermann scheint niemandem in seiner Familie die Fortführung seines eigenen Lebenswerkes zuzutrauen.Und Mandermanns Zeit läuft ab.Orwo ist nicht das einzige Unternehmen innerhalb der Gruppe, das noch Verluste einfuhr.Das Schicksal der Wolfener Filmfabrik droht deshalb auch anderen Mandermann-Firmen.

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