Wirtschaft : Peter Bolle

(Geb. 1943)||Autolackierer, Alleinunterhalter, Schnellfahrer, Sänger. Und: Lebenshelfer.

Anne Jelena Schulte

Autolackierer, Alleinunterhalter, Schnellfahrer, Sänger. Und: Lebenshelfer. Mit Beule zu Bolle!“ so empfahl er sich in der Radiowerbung und auf Berliner Taxis.

Peter Bolle, gelernter Tankwart, hatte sich zum Lackiermeister fortgebildet und besaß eine Autowerkstatt in Neukölln. Große, schwere Schlitten rollten auf seinen Hof. Dort harrten sie aus wie Schauspielerinnen in ihrer Garderobe. Sorgfältig klopfte, pinselte, sprühte und wischte Peter Bolle an ihnen herum, bis sie wieder stolz und prächtig durch die Straßen rauschen konnten.

Heil, schön und glänzend, so gefiel Peter Bolle die Welt.

Gerne bestellte er seine Freunde auf die „Pina Colada“, seinen Jollenkreuzer, der sich ganz in der Nähe seines Hauses auf dem Wannsee sonnte.

An Deck der „Pina Colada“ feierte er Feste, tanzte er über den Atlantik, ließ er zu Silvester die Korken knallen, auf dass das kommende Jahr noch schöner, fröhlicher, erfolgreicher werde als das verflossene.

Warum lernt man erst zu schätzen, was man dann nicht mehr hat? / Du fühlst Dich stark und plötzlich wendet sich das Blatt.

Jeden Freitag probte Peter Bolle mit seiner kleinen Band im Keller seines Hauses. Am Mikrofon wechselten sich die Musiker ab. Wenn Peter sang, dann wurde der Keller geflutet mit „Marina, Marina“ oder überzuckert mit „Can’t stop loving you“ und „Baby can I hold you tonight“.

Gespräche werden kühler, nichts geht mehr Hand in Hand. / Die Fässer laufen über, im Rücken drückt die Wand.

Stumm nahmen die Freunde die Zeilen entgegen, die Peter Bolle ihnen da überreichte. Sie lasen, nickten, und machten sich daran, eine Melodie dazu zu finden. Dass seine Frau mit den beiden Kindern gerade ausgezogen war, das wussten sie.

Darüber geredet hat Peter Bolle aber nur mit Ingrid, die er in dieser Zeit kennen lernte. Ingrid, die so ganz anders war. Klein, zierlich, dunkeläugig. Die als allein erziehende Mutter ein viel genügsameres und ruhigeres Leben führte als er. Der Sänger, der Alleinunterhalter, der Schnellfahrer Peter Bolle hatte plötzlich nur noch ein Bedürfnis: Still sitzen und reden. Stundenlang. Bis sie, die Ernste, mit ihm zu tanzen begann, auf der „Pina Colada“ schaukelte, ihn heiratete.

Ein Jahr währte ihr Glück. Dann erkrankte Ingrid an einer Immunschwäche, die mit hoher Lichtempfindlichkeit einherging. Sie konnte nicht mehr verreisen, nicht mehr Auto fahren, sich nicht einmal mehr alleine anziehen.

Das schafft er nicht, dachten manche, ausgerechnet Peter, ein Leben hinter zugezogenen Vorhängen?

Peter aber hatte sich verändert. In einem Brief an Ingrid nannte er sich „Aufsichtsbehörde zur Wiedereingliederung liebenswerter, begehrenswerter, tapferer, allein erziehender Mütter, welche bereit sind, einem heruntergekommenen Autolackierer ein harmonisches Leben zu ermöglichen.“

Die Behörde hat gute Arbeit geleistet: Nach drei Jahren konnten sie die Vorhänge wieder aufziehen. Ingrids Krankheit war eine schwere Prüfung gewesen, die nun mit großen Reisen belohnt werden sollte! Doch es kam anders.

Abgemagert und schwach hämmerte Peter Tag für Tag an einem großen Holzrahmen, mit dem er schließlich die „Pina Colada“ aus dem Wasser seilte. Er hatte Lungenkrebs. Ingrid, die sich selbst an der Grenze zum Tod bewegt hatte, wurde Peter nun eine einfühlsame Begleiterin durch seine letzten Monate. Jeden Vormittag bettete sie ihn auf einen Liegestuhl am Wannsee. Da lag er, schaute aufs Wasser, und wenn er die Augen schloss, hörte er seine Lieblingsmusik: Das Klickern der Windanzeiger an den Segelmasten.

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