Wirtschaft : Petra Pollok

Geb. 1949

Anne-Jelena Schulte

„Sehen Sie, da sitzt sie in der Ecke, hat keine Krallen und Fangzähne mehr.“ Jeden Tag ging sie in den Zoo. Hier, bei den Tieren, konnte sie den vernarbten Messerstich auf ihrer Brust und all die anderen Erinnerungen vergessen.

Wie im Militärgefängnis ging es zu in einigen katholischen Kinderheimen der Nachkriegszeit. Die Kinder wurden gepeitscht, gedemütigt und als billige Arbeitskräfte missbraucht. In solchen Heimen ließ Petra Pollok ihre Kindheit.

Die Ehe, von der sie sich Erlösung erhofft hatte, war quälende Fortsetzung ihres Elends. Der Mann trank, nannte ihre beiden behinderten Kinder Hurenbälger und schickte sie ins Heim. Wenn Petra sich Tierbücher kaufte, schlug er sie für die Geldverschwendung. Der Messerstich in der Brust blieb ein lebenslanges Souvenir.

Mitte der siebziger Jahre floh sie nach Berlin, wo sie nach Monaten ein Sozialarbeiter von der Straße holte. Er erinnert sich an eine Frau, die es nicht wagte, ihm in die Augen zu blicken. Die folgenden Jahre lebte sie im Obdachlosenheim.

Allein die Welt der Tiere hielt sie für unschuldig, die wollte sie verstehen lernen. Ihr bisschen Geld gab sie für die Gesamtausgabe von Grzimeks Tierleben aus und für Jahreskarten für den Berliner Zoo. „Ja, meine Kleine, is gut“, besänftigte sie die brüllende Nashorndame. „Du brauchst einen Macker, ich weiß.“ Sie lobte die Sau Waris für ihre Frischlinge und sprach zu den Kleinen so liebevoll, wie mit ihr noch niemand gesprochen hatte.

Für viele war sie die merkwürdige Frau mit dem strähnigen Haar, dem zahnlosen Mund und der deftigen Sprache: „Was is bekloppter wie’n Mann? Zwei bekloppte Männer!“ Doch wer genauer hinsah, konnte in ihrem Gesicht noch die Schönheit von einst erahnen und sich für ihren ehrlichen Charakter begeistern. Biologen beantworteten ihre Fragen, Tierpfleger ließen sie die Jungtiere streicheln. Unter den Stammgästen des Zoos war sie eine der treuesten, man bewunderte sie für ihre Kenntnisse und freute sich über ihre Tierliebe.

Wenn sie bei Besuchern echtes Interesse entdeckte, führte sie sie gratis durch ihre Wahlheimat und erzählte ihnen Tiergeschichten. Zum Beispiel die vom Tigerweibchen, das knapp dem Koch eines asiatischen Restaurants entkommen war. „Und sehen Sie, da sitzt sie immer in der hintersten Ecke, hat keine Krallen und Fangzähne mehr.“

Außerhalb des Zoos führte Petra selbst ein bemitleidenswertes Leben. Zwar hatte sie inzwischen eine eigene Wohnung, aber kein Lichtschalter funktionierte, die Tapete rollte sich ab. Sie arbeitete nachts als Zeitungszustellerin, doch der Job fiel ihr schwer. Die Beine schmerzten. Auf helfende Institutionen mochte sie sich nicht einlassen. Sie hatte Angst vor Behörden und Ärzten, vor allen, die in ihr Leben eingreifen könnten.

Bis Manuel kam. Manuel arbeitete als Seniorenbegleiter im Zoo und war zehn Jahre jünger als sie. Er beobachtete, wie der Panzernashornbulle Gauhati über den Graben hinweg seinen Kopf auf die Schulter der kleinen Petra legte, und er verliebte sich in sie.

Petra konnte das kaum glauben, sie wies ihn auf ihre Segelohren hin. „Die sind süß“, antwortete er. Er half ihr bei den Behörden, er klebte die Tapete an, und er spielte ihr Entspannungsmusik vor. „Ich hasse Liebesfilme“, sagte sie. Aber er erlebte es, wie sie in schlaflosen Nächten den schlimmsten Fernsehschnulzen erlag.

Happy End? Nicht ganz. Die Albträume, die schlimmen Erinnerungen quälten sie jede Nacht. Petra hatte starke Schmerzen, aber zum Arztbesuch konnte auch Manuel sie nicht überreden.

Sie starb plötzlich und allein. Auf ihrem Bett fand Manuel einen Roman und auf der letzten Seite eine scheue Notiz: „13. Juli 2001, 10.40 Uhr“. Da hatten sie sich kennen gelernt.

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