Pharmahandel : Boykott der Apotheker

Der Pharmagroßhändler Gehe hat die Internet-Apotheke Doc Morris gekauft. Nun wird er von vielen Apothekern gemieden und verliert offenbar massiv Marktanteile.

Anna Sleegers (HB)
Doc_Morris_Pankow
Doc Morris verkauft Medikamente auch in eigenen Filialen - wie hier in Berlin-Pankow. -Foto: photothek.net

Stuttgart - Der Stuttgarter Pharmagroßhändler Gehe wird von vielen Apothekern gemieden und verliert offenbar massiv Marktanteile. Nachdem die Gehe-Mutter Celesio Ende April die Internet-Apotheke Doc Morris übernommen hat, wechseln viele Apotheker aus Protest den Grossisten. Bestärkt werden sie darin von den Apothekerkammern, die ihre Mitglieder mehr oder weniger offen zum Boykott aufrufen.

Der deutsche Pharmagroßhandel stagnierte nach Angaben des Branchendienstes „Insight Health“ zuletzt bei rund 19 Milliarden Euro. Das Geschäft ist fest in der Hand von fünf deutschen Grossisten. Die Celesio-Tochter Gehe ist mit einem Marktanteil von etwa 19 Prozent die Nummer zwei. Neben dem Großhandelsgeschäft macht Celesio in den bereits liberalisierten europäischen Märkten wie Großbritannien und den Niederlanden den Apotheken mit Einzelhandelsketten Konkurrenz. 2006 erwirtschaftete das Unternehmen mit seinen 2100 Filialapotheken fast einen ebenso hohen Gewinn wie im Großhandel.

Auch in Deutschland will das Unternehmen in den deutlich lukrativeren Einzelhandel einsteigen, wenn der Bestandsschutz für die Apotheken fällt. Bislang dürfen nur Pharmazeuten mit Kammerzulassung Apotheken mit maximal drei Filialen besitzen. Da Kritiker das als Verstoß gegen den freien EU-Binnenmarkt sehen, rechnet man bei Celesio fest damit, dass der europäische Gerichtshof diese Regelung kippt.

Für diese Situation versuchte sich der Konzern mit der Übernahme der Internet-Apotheke Doc Morris zu wappnen. Im Kampf um den grenzüberschreitenden Versand von Medikamenten wurde das in den Niederlanden ansässige Unternehmen so bekannt, dass es seine Marke inzwischen für den Aufbau einer Marketing-Kooperation nutzt, der sich bislang knapp 30 Apotheken angeschlossen haben sollen.

Welche Marktanteile dieser Coup des Mutterkonzerns die Deutschland-Tochter Gehe gekostet hat, lässt sich wenige Wochen nach der Übernahme noch nicht genau ermitteln. Die „Pharmazeutische Zeitung“, das Pflichtblatt der 21 000 selbstständigen Apotheker, geht davon aus, dass 15 bis 20 Prozent der Kunden wechselten. Damit würde Gehe seinen zweiten Platz an die Frankfurter Anzag abgegeben.

Anzag und der zur Merckle-Gruppe zählende Marktführer Phoenix Pharmahandel aus Mannheim lehnten eine Stellungnahme ab. Der genossenschaftliche Pharmagroßhändler Noweda bestätigt jedoch, dass ihm die Übernahme von Doc Morris Neukunden beschert hat. Vorstandschef Wilfried Hollmann schätzt, dass der Konkurrent seit Ende April etwa zehn Prozent seiner Marktanteile abgegeben hat. Er erwartet, dass sich in den kommenden Monaten weitere Apotheker von Gehe abwenden.

„Natürlich gab es negative Reaktionen von Apothekern“, räumt der für den Einzelhandel zuständige Celesio-Vorstand Stefan Meister ein. Überrascht zeigte er sich darüber, wie heftig die Apothekerverbände mobil machen. So mahnte etwa der Thüringer Landesverband vor einigen Wochen, dass jeder „noch so kleine“ Auftrag an Gehe „Dividende für die Aktionäre, Gehalt für Konzernchef Fritz Oesterle und Finanzmittel für Werbetouren mit Politikern, Medienvertretern und so genannten Gesundheitsexperten“ bedeute. Der Landesapothekerverband Baden-Württemberg (LAV), der seine Aussendungen kostengünstig von den Großhändlern in die Apotheken transportieren lässt, nimmt diesen Service künftig von Gehe nicht mehr in Anspruch. In dem Schreiben, in dem er die Gehe-Kunden unter seinen Mitgliedern darüber informiert, schlägt er ihnen unverblümt vor, den Großhändler zu wechseln – angeblich, um Portokosten zu sparen.Anna Sleegers (HB)

0 Kommentare

Neuester Kommentar