Wirtschaft : Phenomedia: Das Moorhuhn ist abgeschossen

Wirtschaft ist zu großen Teilen Vertrauenssache. Das galt bis Dienstag auch für den Softwareproduzenten Phenomedia: Der Erfinder des Moorhuhns erlebte mit seinem simplen Computerspiel einen derartigen Aufschwung, dass kaum jemand das Vertrauen in eine großartige Zukunft des Unternehmens verlieren wollte. Das ist vorbei. Als Phenomedia einräumen musste, dass die Bilanz für 2001 möglicherweise falsche Zahlen enthält, war der Glaube an einen findigen Software-Tüftler erschüttert. Der Verdacht, den der lange Absturz der Aktie bereits genährt hatte, bestätigte sich. Auch Phenomedia hat gepfuscht. Der Neue Markt hat einen neuen Skandalfall.

Metabox, Infomatec. EM.TV, Comroad - am Ende wird sich auch bei Phenomedia das traurige Schwarze-Peter-Spiel wiederholen. Nachdem die Bombe geplatzt ist, will es keiner gewesen sein. Die Vorstände und Aufsichtsräte nicht, die Banken und Wirtschaftsprüfer nicht, und die Analysten nicht, die der abgestürzten Aktie nachweinen, die sie eben noch Anlegern zum Kauf empfohlen haben. Es stimmt schon: Banken und Analysten sind gegen Bilanzfälscher machtlos. Vorstände, die mit kriminellen Energie Zahlen manipulieren, sitzen am längeren Hebel. Und der Fall Enron zeigt, dass es in allen Bilanzsystemen zu Tricksereien kommt. Gefordert wären deshalb eigentlich jene Profis, die die Zahlen der Unternehmen am besten kennen sollten: die Wirtschaftsprüfer. Doch ihr wiederholtes Versagen zeigt, dass es an Kontrollen und Sanktionsmechanismen fehlt. Experten fordern schon lange Freiheits- und Geldstrafen für Bilanzfälscher. Stattdessen gestattet man den Wirtschaftsprüfern, Beratungs- und Prüfmandate gleichzeitig zu übernehmen und sich anschließend gegenseitig zu kontrollieren. Das verschafft den Zahlenkünstlern Luft. Nur eines schafft es nicht: Vertrauen.

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