Plastiktüten : Kommt nicht in die Tüte

Plastiktragetaschen sind praktisch. Aber sie zerfallen in der Natur nicht und vermüllen die Meere. Was wird getan, um den Verbrauch in Europa zu mindern?

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Plastiktüten im Meer gefährden Fische, Vögel, Delfine und Meeresschildkröten. Sie zerfallen in kleine Partikel, an die sich auch noch Schadstoffe anlagern. Foto: Mike Nelson/dpa
Plastiktüten im Meer gefährden Fische, Vögel, Delfine und Meeresschildkröten. Sie zerfallen in kleine Partikel, an die sich auch...Foto: Mike Nelson/dpa

Die EU will den Verbrauch von Plastiktüten mit einer neuen Richtlinie bis 2025 drastisch reduzieren. In Deutschland soll eine freiwillige Selbstverpflichtung des Einzelhandels mit dem Umweltministerium dazu führen, dass weniger synthetische Tragetaschen in Umlauf kommen. Sie sollte eigentlich am 1. April in Kraft treten – ein entsprechender Entwurf des Handelsverbandes HDE liegt seit Monaten im Haus von Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD). Doch die sieht in der Sache offenbar noch Nachbesserungsbedarf. „Wir hatten auch nie von diesem Datum gesprochen“, teilte das Ministerium am Donnerstag mit. „Wir befinden uns noch in den Verhandlungen mit dem Einzelhandel, um letzte offene Punkte zu klären.“

Warum sind Plastiktüten ein Problem?

Die durchschnittliche Nutzungsdauer einer Plastiktüte beträgt etwa 25 Minuten. Zwar sagen drei Viertel der Deutschen, dass sie Plastiktüten drei bis fünf Mal wiederverwenden. Dennoch ist der Materialeinsatz – Rohöl – und der Kohlendioxid-Ausstoß bei der Produktion ein Umweltproblem. Bei der Erzeugung einer Polyethylen-Tüte gelangen 120 Gramm CO2 in die Atmosphäre. In der Europäischen Union liegt der Pro-Kopf-Verbrauch von Plastiktüten im Jahr bei 198. In Deutschland hat das Umweltbundesamt (UBA) 71 ermittelt. In Deutschland haben Tüten nur einen geringen Anteil am insgesamt verbrauchten Plastik. Von insgesamt 9,65 Millionen Tonnen Plastik pro Jahr werden 68 000 Tonnen zu Tüten verarbeitet.

Wie schädigt Plastik die Umwelt?

Die Tüten stehen für ein viel beachtetes, aber schwer zu lösendes Problem: Plastikmüll im Meer. Auf ein Planktonteilchen, beispielsweise kleine Krebse, von denen sich Fische und Wale ernähren, kommen inzwischen 68 Teilchen Mikroplastik, also zerfallenes Plastikmaterial, das zwar immer kleiner wird, sich aber im schlechtesten Fall gar nicht zersetzt. Sind die kleinen Tüten, in die in Deutschland Obst und Gemüse verpackt werden, noch halbwegs intakt, wenn sie ins Meer gespült werden, werden sie von Meeresschildkröten mit Quallen verwechselt und gefressen. Sie verhungern mit vollem Magen, weil sie das Plastik nicht verdauen können. In im Meer schwimmenden Geisternetzen, die Fischern verloren gegangen sind oder von ihnen im Meer entsorgt worden sind, verfangen sich neben Meeresschildkröten auch Seehunde, Delfine oder Vögel.

Was steht in der Richtlinie der EU?

Die EU-Mitgliedstaaten sollen den Verbrauch von dünnen Plastiktüten reduzieren. Ausgenommen von den Vorschriften sind dicke Plastiktüten, die in der Regel mehrfach verwendet werden. Das Gleiche gilt für sehr dünne Tüten, in denen in Supermärkten Obst oder Wurstwaren verpackt werden. Die Richtlinie schreibt vor, dass der jährliche Pro-Kopf-Verbrauch bis Ende 2019 auf 90 Tüten sinkt. 2025 soll ein EU-Bürger dann nur noch 40 Plastiktragetaschen verbrauchen. Die 28 Mitgliedstaaten können selbst entscheiden, wie sie das Ziel erreichen.

Welche Branchen setzen auf Plastiktüten?

Plastiktüten werden allem über den Textil- und Einzelhandel aber auch Apotheken und Drogerien in Umlauf gebracht. Einer Umfrage der Gesellschaft für Verpackungsmarktforschung im Auftrag des HDE zufolge greifen Verbraucher vor allem auf Plastiktüten zurück, wenn sie Schuhe oder Bekleidung kaufen.

Worauf haben sich Politik und Handel bislang verständigt?

Die freiwillige Selbstverpflichtung der Unternehmen sieht vor, Plastiktüten künftig nur noch kostenpflichtig an Kunden abzugeben. Dabei bleibt es den Unterzeichnern einer solchen Vereinbarung selbst überlassen, welche Preise sie für die Kunststofftragetaschen nehmen.

Welche Unternehmen machen bei der freiwilligen Selbstverpflichtung mit?

Bislang ist unklar, welche Unternehmen sich der Selbstverpflichtung anschließen werden. Laut Handelsverband HDE haben bislang rund 150 Firmen aus unterschiedlichen Branchen Unterstützung signalisiert. Zu ihnen gehört der Textilhändler C&A. Kunststofftaschen gibt es dort fortan zum Preis von 20 Cent. Darüber hinaus bietet das Unternehmen einen Mehrwegbeutel aus Biobaumwolle an.

Welche Vorbehalte gibt es in der Wirtschaft gegen die Selbstverpflichtung?

Offenbar große. Bei den Verbänden, die Händler aller Branchen vertreten, werden Anfragen mit Verweis auf den Verhandlungsführer HDE brüsk abgeblockt. Doch der will sich zur Haltung einzelner Sparten nicht äußern. Dem Vernehmen nach gibt es aber besonders im Textilhandel erhebliche Vorbehalte. „Wenn jemand einen Herrenanzug für 499 Euro kauft, schaut er ziemlich entgeistert, wenn er dann für die Tüte zur Kasse gebeten werden soll“, sagte der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands des deutschen Textileinzelhandels (BTE), Jürgen Dax. Zusammen mit anderen Handelsbranchen wie Juwelieren oder Parfümerien stünden die Textilhändler bei dem Thema vor ganz anderen Problemen als etwa der Lebensmittelhandel. Textilien könne man eben nicht „in den Einkaufskorb stecken zwischen Zwiebeln und Kartoffeln“. Zudem gebe es in der Regel keine Möglichkeit zum knitterfreien Transport. Und die bedruckten Tragetaschen seien für viele Händler ein wichtiges Marketinginstrument.

Gibt es Firmen in Deutschland, die die EU-Richtlinie bereits umsetzen?

Ja. Einige Unternehmen setzen die EU-Richtlinie zur Reduktion von Plastikmüll bereits unabhängig von einer Selbstverpflichtung um. Die Kaufhauskette Karstadt beispielsweise verlangt von ihren Kunden bereits seit März fünf, zehn, 20 oder 30 Cent für Einwegtragetaschen. Ab Mai bietet das Unternehmen zusätzlich Mehrwegtüten zum Preis von 1,50 Euro an. Der Drogeriehändler Rossmann hat kostenlose Plastiktüten komplett aus seinem Angebot verbannt. Tüten aus Kunststoff sind dort zu Preisen von zehn Cent bis 1,79 Euro zu haben. Der Konkurrent dm verlangt 10 Cent pro Tüte. Schon bisher müssen alle Händler für Plastiktüten Lizenzgebühren an ein Duales System, beispielsweise den Grünen Punkt, abführen. Dort werden die Tüten als „Serviceverpackungen“ geführt. Die Gebühren für die Tüten verbessern nun die Bilanz der Händler. Einige setzen die Einnahmen aber auch für Umweltprojekte ein, heißt es beim HDE.

Erfüllt die geplante Selbstverpflichtung der Unternehmen ihren Zweck?

Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) kritisiert die Pläne von Barbara Hendricks. Die freiwillige Vereinbarung mit dem Handel sei „voller Schlupflöcher“ und ermögliche die „milliardenfache Herausgabe von Plastiktüten auch in Zukunft“, heißt es auf der Homepage der Organisation. Die DUH moniert, dass die Vereinbarung keine Vorgabe macht, wie viel Einwegtüten kosten sollen. Auch fehlten Strafen bei Verstößen. Zielführend sei eine gesetzliche Regelung, wie sie in Irland existiert. Das Land hat den Pro- Kopf-Verbrauch von Einwegtüten im Jahr von 328 auf 18 gesenkt. Und zwar durch eine Gebühr von 44 Cent pro Tüte.

Was sind die Alternativen?

Die DUH rät zu kleinen Polyester-Taschen, die oft zu kleinen Bällen verpackt werden können und zehn Kilogramm tragen können. Auch noch akzeptabel findet die Umweltorganisation große Kunststofftaschen, die für den dauerhaften Gebrauch gedacht sind. Viele werden aus Recyclingkunststoffen hergestellt und wegen ihrer langen Lebensdauer sind sie ökologisch vorteilhaft. Baumwolltaschen sind zwar wiederverwendbar, werden aber erst dann umweltfreundlicher als Plastiktüten, wenn sie 25 bis 30 Mal verwendet worden sind. Bei ihrer Erzeugung entstehen 1700 Gramm CO2. Bei der Produktion einer Papiertüte sind es übrigens 60 Gramm. Da diese aber selten reißfest sind, werden sie meistens nur einmal verwendet und sind deshalb kaum besser als Plastiktüten. Am besten schneiden nach UBA-Einschätzung Einkaufskörbe und Klappkisten ab. Wenn schon Plastiktüten verwendet werden, dann sollten sie wenigstens aus Recyclingplastik hergestellt sein. Dafür gibt das vom UBA überwachte Umweltsiegel „Blauer Engel“ auch seinen Segen.

Wie stehen andere Länder zur Plastiktüte?

Plastiktüten sind in Italien seit 2011 verboten. Missachtet wird das Plastiktüten-Verbot allerdings in vielen kleineren Geschäften und auf Märkten. 2014 wurde ein neues Gesetz verabschiedet: Es sieht bei Verstößen gegen das Plastiktüten-Verbot Geldstrafen von bis zu 25 000 Euro vor. In Frankreich sind Einwegtüten ab dem 1. Juli an den Ladenkassen gesetzlich verboten. Viele Supermärkte haben die Tüten an der Kasse bereits abgeschafft. Die Obst- und Gemüseabteilung ist aber weiter ein „Plastikparadies“. Von 2017 an sollen die Tüten aber auch dort verschwinden. Fünf Milliarden Einweg-Plastiktüten wurden laut Umweltministerium 2014 an den Kassen ausgehändigt, zwölf Milliarden waren es in Obst- und Gemüseabteilungen. In Deutschland liegt der Pro-Kopf-Verbrauch im Jahr bei diesen dünnen Tüten bei 39 Stück.

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