Wirtschaft : "Polen sind kreativer und entscheidungsfreudiger"

SIMONE ZELL

BERLIN .Ein nüchternes Büro in Hohenschönhausen, Berlin: Im hellen Großraum arbeiten 24 Menschen aus sieben Nationen an modernen Computerplätzen.An einem der großen Schreibtische sitzt Geschäftsführer Jacek Gredka, der zusammen mit seinem deutschen Kollegen Gerald Klinzmann das Bauplanungs- und Ingenieurzentrum BIZ leitet.Ihre Mitarbeiter kommen aus Portugal, Chile, Ungarn und Italien

Jacek Gredka paßt nicht so recht in das Bild, das über polnische Arbeitskräfte in Deutschland verbreitet ist.Zwar gibt es in Berlin viele Polen, die zu Niedriglöhnen auf Baustellen, im Service oder als Saisonarbeitskräfte tätig sind.Viele von ihnen haben sich jedoch längst auch als Unternehmer und somit Arbeitgeber in Berlin etabliert.

Bauingenieur Jacek Gredka kam vor 23 Jahren in den Ostteil der Stadt.Seit 1994 betreibt er das Planungsbüro.Allein im vergangenen Jahr haben Gredka und Klinzmann ihre Belegschaft von zwölf auf 24 Angestellte verdoppelt.Die beiden zählen damit zu den kleinen und mittelständischen Dienstleistungsbetrieben, die 1998 einen Großteil neuer Arbeitsplätze in Deutschland geschaffen haben, so eine aktuelle Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW).

"Ich war nie Vertragsarbeiter, ich habe Deutsch gelernt, noch einmal studiert und wurde Abteilungsleiter im Kombinat für Technische Gebäudeausrüstung", erzählt Gredka."Ohne meine deutsche Frau hätte ich mich nicht so schnell eingelebt." Durch sie lernte er Deutsch und fand auch gesellschaftlich Anschluß.Gredka wurde auch Mitglied im Verein polnischer Kaufleute, in dem rund 100 polnische Unternehmer zusammengeschlossen sind.Banken, Reisebüros, Hotels - der polnische Arbeitsmarkt in Berlin ist bunt gemischt."Wir unterstützen uns alle gegenseitig, empfehlen uns zum Beispiel bei Aufträgen", so Gredka.Und er ist überzeugt: "Der Markt ist längst nicht gesättigt.Polen sind kreativer und entscheidungsfreudiger als Deutsche, aber sie können viele Geschäftsideen nicht realisieren, weil die Minderheitsrechte nicht abgesichert sind", beklagt Gredka, der seit 1991 an der Spitze der Schönhauser SPD steht.Erst ein deutscher Paß öffne Gründern die Tür.

Der polnische Dachdecker Jan Bugajski aus Berlin-Kreuzberg beschäftigt je nach Saison bis zu zwölf Mitarbeiter.Er sagt: "Für Polen ist es meist einfacher, ein Gewerbe anzumelden als eine Arbeitserlaubnis zu bekommen", sagt Bugajski.Er kam 1981 nach West-Berlin und gehört zu den Arbeitgebern, die am liebsten eigene Landsleute einstellen."Polen sind nicht so selbständig und korrekt, dafür kann man mit ihnen aber leichter auf der Baustelle zurecht zu kommen." So gebe es mit polnischen Arbeitern keine Diskussionen über Arbeitszeiten und Zusatzaufgaben."Wir sind zwar oft auch billiger in den Ausschreibungen, aber unser Vorteil liegt meist darin, daß wir die Termine einhalten."

Drei Jahre hat Bugajski nach eigenen Angaben auf seine eigene Arbeitserlaubnis gewartet, seinen deutschen Paß hat er vor 10 Jahren bekommen.Seine Entscheidung, Polen bei der Vergabe von Stellen eher eine Chance zu geben, hat Gründe: "Den einzigen Prozeß, den ich bisher vor einem Arbeitsgericht hatte, habe ich mit einem Deutschen geführt", sagt Bugajski.

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