Wirtschaft : Portugal wartet auf den Fußball-Kick

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Lissabon Am Tag nach dem Fußballkrimi gegen England, dem größten Triumph, den die portugiesische Nation je bei einer Fußball-EM feiern durfte, bremst Portugals Regierung die allgemeine Euphorie des fußballverrückten Landes: Das größte Fußballturnier Europas wird dem armen EU-Land leider doch nicht den großen Aufschwung bringen, von dem alle vor Beginn der Europameisterschaft noch geträumt hatten. Nach einer Studie des Finanzministeriums in Lissabon wird das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im laufenden Jahr dank des Fußball-Effektes nur um unbedeutende 0,08 Prozent zusätzlich wachsen.

Wenn überhaupt. Denn die Studie warnt auch, dass der große Investitionseffekt der EM schon lange verpufft ist. Die Mehrheit der fünf Milliarden Euro, die der Staat in zehn EM-Stadien und begleitende Infrastruktur investiert habe, sei bereits in den letzten Jahren in die Wirtschaftsbilanz eingeflossen. Und selbst diese öffentlichen Mega-Ausgaben schafften es nicht, das Armenhaus Portugal aus seiner wohl schwersten Wirtschaftskrise seit seinem EU-Beitritt im Jahr 1986 herauszuholen. Im Gegenteil: Im vergangenen Jahr verzeichnete Portugal ein bedenkliches Minuswachstum von 1,3 Prozent. Und auch die Staatsverschuldung steuert auf einen neuen Rekord zu, die über der magischen Stabilitätsgrenze von drei Prozent liegen könnte.

Lediglich der Tourismus werde vorübergehend wegen mehrerer Hunderttausend zusätzlicher Urlauber im EM-Jahr einen Zuwachs von etwa 2,5 Prozent verbuchen. Obwohl auch das nicht überall wahrgenommen wird. Tourismusmanager an der Algarve-Küste beklagen, dass sie das versprochene „Jahrhundertgeschäft“ bisher noch nicht gemacht hätten. Vielleicht auch, weil nicht wenige Hoteliers in überschwänglicher EM- Laune ihre Preise in diesem Sommer vervielfacht hatten.

Der Bierhandel meldet derweil astronomische Umsätze: Immer wieder müssen Schänken, in denen die Fans der einen oder anderen Mannschaft gerade einfallen, das Schild aufhängen: „Bier ausverkauft.“ So nutzt der offizielle Tourismus-Werbeslogan „In Portugal ist die Nachspielzeit immer die beste Zeit“ offenbar nur jenen Branchen, die sich auf die speziellen Konsumbedürfnisse der Kurzzeit-EM-Besucher eingestellt haben. Das ganz große Geschäft machen aber spätestens seit dem historischen Sieg über England die portugiesischen Fahnen- und Trikothersteller: Kein Fenster, kein Balkon, kein Auto, das derzeit nicht mit den Nationalfarben geschmückt ist.

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