POSITION : Der Trend geht zur Miniatur

Schlaue Energiekonzepte setzen auf Kleinkraftwerke statt auf Großprojekte

Michael Geissler
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Foto: promo

Rechtzeitig zu den Bundestagswahlen tauchen vermehrt falsche Propheten aus der politischen Versenkung auf. Sie preisen die angeblichen Vorzüge der „sauberen“ Kernenergie und schwärmen im gleichen Atemzug von gigantischen Solarkraftwerken in der Wüste. Ein paar Dutzend neue Atommeiler in Osteuropa, Asien und vielleicht sogar bei uns, Sonnenstrom aus der Sahara – schon sind wir alle Energie- und Klimasorgen los? Schön wär’s.

Es ist altes Denken. Und altes Denken hilft in einer neuen Zeit nicht weiter. Größer, teurer, gigantischer steht an den Irrwegen, die schnurstracks nach Gorleben, Kalkar und Tschernobyl führen. Oder zur milliardenschweren Fata Morgana über der Wüste. Neues Denken heiß dagegen: smart and small. Zu Deutsch: klug und klein. Die technische Entwicklung am Übergang vom 20. zum 21. Jahrhundert geht immer mehr in Richtung Miniaturisierung und Dezentralisierung. Internet und Handy sind dafür besonders anschaulich. Aber auch beim Thema Energie gibt es längst viele Beispiele: Sonnenkollektoren liefern Strom – vom Taschenrechner über die Parkuhr bis hin zum Einfamilienhaus. Intelligente Steuerungssysteme regeln bedarfsgerecht die Wärmeversorgung und Belüftung von Gebäuden. Geothermie nutzt die im Erdreich gespeicherte Wärme zum Heizen von Wohnungen. Selbst auf dem Gebiet der Speichertechnologie gibt es enorme Fortschritte, so dass Elektroautos schon bald nicht mehr Batterien auf Rädern, sondern praktische Fahrzeuge sein werden.

Selbst der Ökoschwärmerei unverdächtige Automobilkonzerne wie Volkswagen – in Kooperation mit dem Stromerzeuger Lichtblick – haben die Zeichen der Zeit erkannt. Sie werden demnächst kleine Blockheizkraftwerke zur Strom- und Wärmeerzeugung am Fließband produzieren und sie zu virtuellen Kraftwerken miteinander vernetzen. Die Stadt Hamburg macht den Vorreiter und kündigt die Installation von 100 „Zuhause- Kraftwerken“ an. Vor allem für Metropolen wie Berlin ein interessantes Geschäftsmodell. Noch können zentrale Großkraftwerke mit niedrigeren Entstehungskosten pro erzeugter Kilowattstunde aufwarten. Aber aufgrund der rasanten technologischen Entwicklung schließt sich die Rentabilitätsschere zwischen groß und klein immer mehr. Dezentrale Anlagen – viele ausschließlich auf Basis erneuerbarer Energien – arbeiten bereits heute effizient und rentabel, ganz nah am Verbraucher und ohne Leitungsverluste.

Damit sich diese Trends auf breiter Front durchsetzen, ist noch mehr unternehmerische Kreativität gefragt – nicht nur in der Forschung und Entwicklung, auch im Marketing. Die Angst vor dem Klimawandel oder einer Abhängigkeit von russischen Rohstoffen erzeugt kein positives Lebensgefühl. Was fehlt, sind starke Marken, damit das individuelle Energie-Erzeugen zum Lifestyle-Phänomen wird. Vielleicht sollte man mal bei Apple anrufen und um Rat bitten.

Der Autor ist Geschäftsführer

der Berliner Energieagentur.

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