Praktikum : Was bringen neue Praktikumsregeln?

Die Pläne des Bundesarbeitsministeriums, Praktikanten künftig besser zu stellen, gefährden der Wirtschaft zufolge 100.000 Praktikumsplätze. Wie wahrscheinlich ist das?

Cordula Eubel,Katja Reimann

Es ist zumindest unwahrscheinlich, dass die Unternehmen auf diese kostengünstigen Mitarbeiter überhaupt verzichten können. Rund 600.000 Praktikanten waren im Jahr 2006 nach Angaben des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Deutschland beschäftigt. Sie arbeiten in den unterschiedlichsten Firmen und Unternehmen, möchten lernen und praktische Erfahrungen sammeln – und werden doch oft nur als billige Arbeitskräfte missbraucht. Nikola Richter hat mit ihrem Buch „Die Lebenspraktikanten“ vor zwei Jahren die Öffentlichkeit auf das Problem aufmerksam gemacht. Ihrer Meinung nach sind die Drohungen aus der Wirtschaft übertrieben. „Ich glaube nicht, dass die Unternehmen auf Praktikanten verzichten könnten.“ Aber Nikola Richter sagt auch, dass in den Firmen inzwischen immerhin ein Bewusstseinswandel eingesetzt hat. Sie wollten nicht mehr als Ausbeuter wahrgenommen werden.

Vielleicht bleibt ihnen auch gar keine Wahl. Denn das Bundesarbeitsministerium prüft seit diesem Frühjahr, wie Praktikanten künftig besser vor Ausbeutung und schlechter Bezahlung geschützt werden können. Das Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Praktikant soll geklärt und eindeutiger festgelegt werden. Konkret möchte Arbeitsminister Olaf Scholz (SPD) künftig im Paragraf 612 des Bürgerlichen Gesetzbuchs (BGB), der die Vergütung von Dienstverträgen regelt, klarstellen, dass Praktika angemessen bezahlt werden. Das ist zwar Rechtslage nach dem Berufsbildungsgesetz – doch Scholz hofft, dass durch die Präzisierung im BGB „mehr Klarheit über die gesetz liche Lage“ hergestellt wird. Außerdem will der Arbeitsminister vorschreiben, dass Praktikumsverträge schriftlich abgefasst werden müssen. Drittens schlägt er vor, dass Arbeitgeber künftig im Streitfall vor Gericht beweisen sollen, dass sie Praktikanten nicht unzulässig als Arbeitskraft eingesetzt haben. Bisher liegt die Beweislast bei den Praktikanten.

Von dieser dritten Neuregelung zeigen sich die Firmen nach einer Umfrage der Industrie- und Handelskammer (DIHK) besonders verunsichert. Knapp 45 Prozent der Unternehmen wollen demnach gar keine Praktika mehr anbieten, wenn sie künftig im Streitfall nachweisen müssen, dass es sich bei dem fraglichen Praktikum um ein Lern- und kein Arbeitsverhältnis gehandelt hat. 25 Prozent der Unternehmen würden weniger Praktikanten einstellen. Was genau Arbeit ist und was Lernen, ist jedoch nicht immer einfach zu sagen – kein Wunder also, dass die Firmen ausgerechnet bei dieser Frage nervös werden.

„Ein Praktikum ist als Lernverhältnis und nicht als Arbeitsverhältnis definiert“, erklärt Franziska Pankow von der DIHK. „Die Grenze zwischen beidem ist grundsätzlich schwer zu ziehen.“ Immerhin zeichne sich ein Praktikum gerade dadurch aus, dass man beim Arbeiten lerne. Im günstigsten Fall ist ein Praktikum also für beide Seiten ein Gewinn – der Praktikant arbeitet und lernt, das Unternehmen profitiert von der zusätzlichen Kraft und lernt einen potenziellen neuen Arbeitnehmer kennen. Denn viele Firmen, so bestätigt Franziska Pankow, nutzen Praktika noch immer für die Rekrutierung von neuen Mitarbeitern. „Wenn viele Praktikantenstellen wegfielen, würde den Unternehmen etwas fehlen.“

Dass zukünftig im Streitfall auch Unternehmen vor Gericht beweisen müssen, ob sie einen Praktikanten fair beschäftigt und bezahlt haben, halten die Jugend des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) und der Verein für Hochschulabsolventen und Praktikanten Fairwork für „sehr sinnvoll“. Eine Firma werde es sich dank einer solchen Regelung dreimal überlegen, ob sie einen Praktikanten ausbeute, sagt Florian Lamp von Fairwork. Vor allem in kleinen Unternehmen würden Praktikanten oft zu geringem Lohn voll arbeiten. Solche Firmen könnten bei den geplanten Neuregelungen Probleme bekommen, sagt Lamp und erklärt: „Es gibt viele Unternehmen, die einfach nicht in der Lage sind, Löhne zu zahlen.“

Dass viele Unternehmen derzeit die Gesetzeslage missachten, darauf weist eine Studie des Internationalen Instituts für Empirische Sozialökonomie aus dem Februar dieses Jahres hin. Sie wurde im Auftrag des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales durchgeführt. Die Hälfte der rund 2600 Befragten zwischen 18 und 34 Jahren gab dabei an, dass ihre freiwilligen Praktika gar nicht bezahlt wurden. Weitere zwölf Prozent bezeichneten die Vergütung als unangemessen, lediglich ein gutes Drittel (37 Prozent) erhielt eine faire Bezahlung. Dabei wurden mehr als 80 Prozent der freiwilligen Praktikanten nach eigener Einschätzung mindestens die Hälfte ihrer Arbeitszeit als normale Arbeitskraft eingesetzt.

Ein Teil der Befragten kann der „Generation Praktikum“ zugerechnet werden: Jeder Vierte hatte trotz Studium oder Berufsausbildung keine feste Stelle ge funden, sondern wechselte zwischen Praktika, befristeten Jobs, Zeitarbeit oder Arbeitslosigkeit. Und das nimmt offenbar noch zu. Die DGB-Jugend bestätigt, dass der Trend weiterhin anhält, nach abgeschlossener Ausbildung oder fertigem Studium noch ein Praktikum zu absolvieren.

Wie eine gesetzliche Änderung am Ende aussehen könnte, darüber ver handeln derzeit das Arbeits- und das Bildungsministerium. „Wir suchen nach einer gemeinsamen Lösung“, sagt ein Sprecher von Olaf Scholz. Er sei zuversichtlich, dass in Kürze etwas vorgelegt werden könne.

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