Preisdrückerei? : Pillen, Säfte und Rabatte

Die Pharmaindustrie wirft den Kassen Preisdrückerei bei Arzneien vor – die Argumente widersprechen sich.

Rainer Woratschka

Noch bevor er überhaupt im Amt war, hatte der neue Patientenbeauftragte dem Bundestag schon eines seiner künftigen Kampffelder beschrieben. „Inzwischen bestimmen die Krankenkassen, wer welche Medikamente bekommt“, wetterte der CSU-Politiker Wolfgang Zöller. Und er stellte klar: „Mit unseren Vorstellungen von Therapiefreiheit ist das nicht vereinbar.“

Zöller ärgert sich über ein Instrumentarium, mit dem die Krankenkassen inzwischen pro Jahr dreistellige Millionenbeträge sparen: Rabattverträge beim Einkauf von Medikamenten. Die 24,5 Millionen AOK-Versicherten etwa erhalten meist nur noch wirkstoffgleiche Arznei des jeweils günstigsten Herstellers. Damit drücken die Kassen auf breiter Front die Preise für sogenannte Generika – Pillen, Säfte und Salben, deren Patentschutz ausgelaufen ist und nun von anderen Firmen kopiert werden dürfen. Die Pharmaunternehmen haben sich heftig, aber erfolglos dagegen gewehrt – mit Zöller bekommen sie nun einen politischen Mitstreiter. Und ein aktuelles Gutachten scheint ihm diesbezüglich den Rücken zu stärken.

Nach der Umstellung auf Rabattarznei klagten 49 Prozent der Patienten über neue Nebenwirkungen, heißt es in der Studie der privaten Hochschule Fresenius in Idstein. Ein Viertel berichte über starke Nebenwirkungen, neun Prozent hätten gar im Zusammenhang mit der Umstellung ärztlich behandelt werden müssen. 63 Prozent hätten den Wunsch geäußert, wieder ihr gewohntes Mittel zu erhalten. Und 58 Prozent seien dafür sogar zu Zuzahlungen aus eigener Tasche bereit.

Dem Branchenverband „Pro Generika“, der seine Mitglieder durch wenige, oft im asiatischen Raum ansässige Billiganbieter ausgebremst sieht, kommt die Studie der Gesundheitsökonomin Gudrun Neises gerade recht. Sie belege „massive Risiken und Nebenwirkungen von Rabattverträgen“, sagt Geschäftsführer Peter Schmidt. Und sie habe gezeigt, dass die rabattbedingte Arzneiumstellung „der Gesundheit der Patienten schadet und ihre Lebensqualität spürbar herabsetzen kann“. Die neue Regierung müsse die Verpflichtung für Apotheker wieder aufheben, alle ärztlich verordneten und nicht rabattierten Medikamente gegen Rabattarznei auszutauschen. Und die Rabattverträge müssten „so schnell wie möglich komplett abschafft werden“.

Eigenartigerweise kam eine Studie des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) zu einem ganz anderen Ergebnis. 60 Prozent der Versicherten begrüßten die Regelung, heißt es darin. Und drei Viertel gaben an, es habe keine Probleme bei der Umstellung gegeben. In den seltenen anderen Fällen hätten sie, wie vorgesehen, eben andere Arznei erhalten.

Für die WIdO-Studie wurden 2025 AOK-Versicherte befragt. Bei dem Fresenius-Gutachten waren es 135 Patienten. Aus Sicht von AOK-Sprecher Udo Barske ist sie daher „nicht repräsentativ“. Und inhaltlich behauptet Barske glatt das Gegenteil: Nachdem gesetzlich vorgeschrieben sei, dass Apotheker immer eines der drei preiswertesten Generika abzugeben haben, brächten die Rabattverträge den Patienten sogar Verbesserungen. Sie erhielten so zumindest während der Laufzeit der Verträge immer das gleiche Mittel.

Der Generikaverband dagegen sieht die Patienten „zu Versuchskaninchen in einem gesundheitsökonomischen Feldversuch degradiert“. Dumm nur, dass er sich auf eine Studienleiterin berufen muss, die bei der Pharmabranche unter Vertrag steht. Gudrun Neises ist mit einer Stiftungsprofessur der Stada Arzneimittel AG für Gesundheitsmanagement betraut. Und neben Biomo-Corax war es laut AOK vor allem diese Firma, die juristisch am heftigsten gegen Rabattverträge agierte.

Mit politischem Druck arbeitet dagegen die oberbayerische Hexal AG, die bei den Auftragsvergaben nicht zum Zuge kam. Und von Patientengefährdung keine Rede. Es gehe um 3300 Jobs, sagt Betriebsratschefin Birgit Braito klipp und klar. „Das haben wir auch einigen CSU-Politikern gesagt. Die verstehen das und wollen nicht, dass Industriearbeitsplätze in Deutschland verloren gehen.“

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