PREISE : Draghis Dilemma

Das waren Zeiten: „Nicht alle Deutschen glauben an Gott, aber alle an die Bundesbank“, spottete 1992 EU-Kommissionspräsident Jacques Delors. Heute ist der Glaube an die Währungshüter dahin: 42 Prozent der Bundesbürger fürchten, dass ihr Geld durch steigende Inflation bald nichts mehr wert ist, ergab eine Umfrage des Versicherers Allianz. Schuld ist die ultralockere Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB). Sie pumpt Milliarden in marode Banken, hält den Leitzins auf einem Rekordtief und kauft womöglich bald wieder Anleihen überschuldeter Staaten – eine nie dagewesene Geldschwemme.

Fakt ist aber auch: Im November sank die Teuerung in Deutschland auf 1,9 Prozent – das ist die Zielmarke der EZB. „Mittelfristig nur sehr geringe Inflationsrisiken“ sieht ihr Präsident Mario Draghi. Hier folgen ihm die meisten Ökonomen mit Blick auf 2013 – tatsächlich ist fraglich, woher Druck auf die Preise kommen soll: Die massive Liquidität findet derzeit keinen Weg in die Realwirtschaft, weil kaum investiert wird. Obendrein führt die Rezession in der Euro-Zone eher zu sinkenden als zu steigenden Preisen. Problematisch wird es erst, wenn die deutsche Wirtschaft 2014 die Kurve kriegt und wieder mit ordentlichen Raten wächst. Dann gerät die EZB ins Dilemma: Erhöht sie die Leitzinsen, erstickt sie die Erholung in Südeuropa. Tut sie nichts, steigen die Preise hierzulande womöglich bald um drei oder vier Prozent – dann wäre der Satz von Jacques Delors wohl endgültig Geschichte. brö

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