Preisentwicklung in Europa : Deutschland isst billig

Das Preisniveau liegt in der Bundesrepublik nur knapp über EU-Durchschnitt Am teuersten ist es in Skandinavien und der Schweiz.

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Besonders hoch sind traditionell die Preisunterschiede bei Nahrungsmitteln.
Besonders hoch sind traditionell die Preisunterschiede bei Nahrungsmitteln.Foto: dpa

Wer ein kleines Urlaubsbudget hat und dennoch ins Ausland reisen möchte, sollte sich gen Osten aufmachen. Dort liegen die Preise noch immer deutlich unter dem europäischen Durchschnitt. Am günstigsten lebt es sich in Mazedonien, Bulgarien und Albanien, am teuersten ist es in Skandinavien und der Schweiz. Wie das Statistische Bundesamt am Montag mitteilte, liegen die Lebenshaltungskosten in Norwegen um 60 Prozent und in der Schweiz um 58 Prozent über dem Durchschnitt der EU-Staaten. Auch Dänemark, Finnland und Schweden sind deutlich teurer als Deutschland. Alles in allem lag hierzulande das Preisniveau im vergangenen Jahr um 1,8 Prozent über dem Durchschnitt.

Besonders hoch sind traditionell die Unterschiede bei Nahrungsmitteln. Essen und Trinken kommt in Dänemark die Verbraucher zweimal so teuer wie im billigsten Land (Polen). „Bei Brot und Getreideerzeugnissen reichen die Preisniveaus von 57 Prozent des EU-Durchschnitts in Bulgarien bis 159 Prozent in Dänemark, bei Fleisch von 55 Prozent in Polen bis 132 Prozent in Dänemark sowie in Österreich und bei Milch, Käse und Eiern von 63 Prozent in Polen bis 141 Prozent in Zypern“, haben die Statistiker ermittelt.

Das Preisniveau reflektiert zum einen die Wirtschaftskraft und zum anderen die staatlichen Verteuerungen des Konsums durch Steuern und Abgaben. Letzteres wird besonders deutlich bei Genuss- und Rauschmitteln, für die in manchen Ländern von der Politik hohe Preise festgelegt werden. So sind in Irland Zigaretten doppelt so teuer wie im EU-Durchschnitt, während man in Ungarn, Bulgarien und Polen nicht viel mehr als die Hälfte des Durchschnittspreises zahlen muss. Der Alkohol ist in den osteuropäischen Ländern am günstigsten, doch auch in Deutschland liegt das Preisniveau mit 82 Prozent deutlich unter dem EU-weiten Durchschnitt. Richtig teuer ist das Trinken in Finnland (175 Prozent, Irland und Schweden, wo auch noch gut 60 Prozent mehr für Bier, Wein und Schnaps zu zahlen sind als im Schnitt.

Während die hohen Lebensmittelpreise in Skandinavien mit der hohen steuerlichen Belastung des Konsums zu erklären sind, gibt es in der Schweiz andere Ursachen für die teuren Lebensumstände. „Die Schweiz ist als kleines Land hilflos den Kapitalmärkten ausgesetzt“, sagt der Chefvolkswirt der Dekabank, Ulrich Kater. Dass das Land mit Kapital überschüttet werde, sei zwar ein schöner Vertrauensbeweis: „Aber es macht das Leben nicht günstiger“, sagt Kater zu den Effekten des Bankgeheimnisses.

Aber auch Österreich, Frankreich, Luxemburg oder Belgien sind für Verbraucher teurer als Deutschland. „Deutschland ist relativ wettbewerbsintensiv, gerade auch in Bereichen wie Nahrungsmittel“, erklärt Kater das moderate Preisniveau. In keinem anderen Land gibt es so viele Discounter. Allerdings werden hierzulande die Lebensmittel immer teurer. Seit anderthalb Jahren liegt deren Teuerungsrate über der gesamten Inflationsrate. Im Mai war beispielsweise Gemüse um gut zwölf Prozent teurer als vor einem Jahr, und auch die Preise für Obst (plus 9,2 Prozent und Fleisch (plus 5,6 Prozent) lagen deutlich höher. Die Inflationsrate insgesamt betrug im Mai nur 1,5 Prozent, was unter anderem an den sinkenden Preisen für Mineralölprodukte (minus 4,3 Prozent) lag.

Alles in allem wird in diesem Jahr die Inflationsrate deutlich unter zwei Prozent bleiben, was vor allem mit der europäischen Wirtschaftskrise zusammenhängt. Nach Einschätzung von Kater war die Preisentwicklung aber auch in der jüngsten Vergangenheit moderat. Als Deutschland vor der Finanzkrise seine strukturellen Schwierigkeiten verdauen musste, hätten die Unternehmen keine Preissteigerungen durchsetzen können, die Inflation sei daher niedrig gewesen.

Außerdem habe Deutschland die Gehaltssteigerungen der vergangenen Jahre nicht mitgemacht, die in anderen Ländern zu massiven Wettbewerbsproblemen geführt hätten, meint der Ökonom mit Blick auf die Länder im Süden Europas. Die Lohnzurückhaltung in Deutschland mache sich nun bei den Preisen bemerkbar: Der Statistik zufolge lagen die Lebenshaltungskosten hierzulande 2009 um 6,8 Prozent über dem EU-Durchschnitt, 2011 waren es nur noch 2011 3,2 Prozent und zuletzt 1,8 Prozent. mit dpa

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