Wirtschaft : Premier Berlusconi will Parmalat retten

Staatsanwalt ermittelt wegen dubioser Finanzgeschäfte – Italiens Wirtschaft hat einen gewaltigen Skandal

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Mailand (ruf/dpa). Nach dem bisher größten Bilanzskandal in Europa will der italienische Staat den drohenden Zusammenbruch des Milchkonzerns Parmalat abwenden. Ministerpräsident Silvio Berlusconi kündigte am Wochenende eilige Maßnahmen an. „Die Regierung wird intervenieren, um den operativen Teil des Unternehmens und um die Arbeitsplätze zu sichern“, sagte Berlusconi. Beim einstigen italienischen Vorzeigeunternehmen klafft vermutlich durch Fälschung ein Bilanzloch von knapp vier Milliarden Euro. Ein angebliches Bankkonto über diese Summe bei der Bank of America soll einfach nicht existieren. Die Staatsanwaltschaft nahm Ermittlungen auf. Parmalat will Anfang der Woche Gläubigerschutz (siehe Lexikon) beantragen.

Laut Berlusconi wird Wirtschaftsminister Giulio Tremonti die Maßnahmen der Regierung in dieser Woche vorstellen. Ziel sei es, die Produktion von den finanziellen Problemen abzuschirmen. Tremonti sprach bereits von einem „europäischen Enron“ in Anspielung auf den Fall des USEnergiehandelskonzerns, der in einem gewaltigen Bilanzskandal untergegangen ist.

Unter Parmalats Gläubigern befinden sich zahlreiche italienische Banken. Die Deutsche Bank ist mit 5,16 Prozent an Parmalat beteiligt. Am Freitag stürzte die Parmalat-Aktie um 60 Prozent auf nur noch 0,30 Euro ab. Die Anleihen des Unternehmens sanken auf nur noch ein Fünftel ihres Nominalwertes.

Unterdessen wird die wahre Finanzlage Parmalats immer undurchsichtiger. Italienischen Zeitungsberichten zufolge soll sich inzwischen noch ein weiteres Loch von rund drei Milliarden Euro aufgetan haben – die Verbindlichkeiten Parmalats lägen damit zurzeit bei etwa neun Milliarden Euro. Ein unübersichtlicher Schuldenberg, der sogar den gerade erst ernannten Parmalat-Vorstandschef und Top-Sanierer Enrico Bondi überfordern könnte. Der Nachfolger von Parmalat-Gründer und -Hauptaktionär Calisto Tanzi an der Spitze des Unternehmens will nun alles auf eine Karte setzen: Bei einer außerordentlichen Vorstandssitzung am Freitagabend entschloss sich Bondi, Anfang dieser Woche Gläubigerschutz für das zahlungsunfähige Unternehmen zu beantragen.

Währenddessen stehen Tausende von Aktionären und Bond-Haltern nicht nur vor dem Scherbenhaufen ihrer Investitionen, sondern auch vor einem gigantischen Rätsel: Der Molkereikonzern aus dem kleinen Ort Collecchio in der Nähe von Parma zählte bis vor kurzem zu den zehn wichtigsten Unternehmen Italiens und galt als stolzes Symbol für einen funktionstüchtigen und krisenresistenten italienischen Familienkapitalismus. Parmalat war 1961 entstanden, nachdem Calisto Tanzi den väterlichen Salami- und Schinkenbetrieb in ein Milchimperium umwandelte. Tanzi bot den Italienern als Erster pasteurisierte Milch im Tetrapack an und expandierte rasch im In- und Ausland. Bereits 1970 erreichte Parmalat einen Umsatz von rund drei Millionen Euro. In den 80erJahren erweiterte Tanzi seinen Molkereikonzern: Nach Milch und Joghurt wurden auch Tomatensoßen, Backwaren und Fruchtsäfte in das Unternehmens-Repertoire aufgenommen. Mehr als 36000 Menschen beschäftigt Parmalat inzwischen weltweit und im Jahr 2002 verbuchte der Konzern einen Umsatz von 7,5 Milliarden Euro.

Finanzchef ist unauffindbar

Doch hinter der Fassade seines Lebensmittelimperiums baute Calisto Tanzi im Laufe der Jahre ein verschachteltes Netz von Finanzierungsinstrumenten und Gesellschaften in Steueroasen auf, was nun als Hauptgrund für die Konzern-Krise angeführt wird. Noch im vergangenen März hatte Parmalat den Gläubigerbanken versichert, seine Tochtergesellschaft Bonlat auf den Cayman-Inseln verfüge über Finanzmittel in Höhe von 6,9 Milliarden Euro. Eine Lüge, die den Wirtschaftsprüfern der Parmalat-Revisoren von Grant Thornton hätte eigentlich auffallen sollen. Doch erst als Parmalat am 8. Dezember eine verhältnismäßig kleine Anleihe von 150 Millionen Euro nicht zurückzahlen konnte, wurden Prüfer und Analysten hellhörig.

Nun wird das gesamte Kontrollsystem der italienischen Finanzwelt in Frage gestellt. Die Staatsanwaltschaften in Parma und Mailand haben Untersuchungsverfahren wegen Bilanzfälschung und Betrugs gegen die Chefetage Parmalats in die Wege geleitet. Derjenige, der zu einer raschen Aufklärung beitragen könnte, ist nicht da. Fausto Tonna, früherer Finanzchef bei Parmalat, ist seit Tagen unauffindbar. Angeblich soll er sich nach Venezuela abgesetzt haben.

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