Wirtschaft : Rekordpleite mit Langzeitwirkung

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Von Sandra Louven, Washington

Anleger in Deutschland und Übersee verstehen die Welt nicht mehr: Die tonangebende US-Börse will einfach nicht an Fahrt gewinnen - obwohl die amerikanischen Konjunkturdaten schon seit Wochen auf einen soliden Aufschwung hinweisen.

Eine wichtige Erklärung liefert ein US-Unternehmen ns Enron. Seit im vergangenen November die haarsträubenden Buchhaltungstricks des mittlerweile bankrotten Energiehandelskonzerns ans Licht kamen und eine Welle von Enthüllungen in anderen Firmen losgetreten haben, trauen amerikanische Investoren kaum mehr einem Unternehmen über den Weg. Auch bei dem US-Mischkonzern Tyco kommen Zweifel an der Rechnungslegung, an der Liquidität und an der Strategie zusammen.

Die Manager von Enron bliesen die Unternehmensgewinne künstlich auf, indem sie die Verluste in Nebenunternehmen versteckten, die in der Bilanz des Konzerns nicht auftauchten. Als der Schwindel schließlich aufflog, sackte der Kurs in den Keller. Anfang Dezember meldete das Unternehmen schließlich Konkurs an. Durch die Pleite verloren 15 000 Mitarbeiter nicht nur ihren Job, sondern auch ihre Rentenersparnisse, die im Schnitt zu 62 Prozent aus Enron-Aktien bestanden.

Die Rekordpleite hat aber nicht nur den Mitarbeitern arg zugesetzt, sondern der gesamten Wall Street. Der Skandal erhielt zusätzliches Gewicht dadurch, dass Arthur Anderson, die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft von Enron, die betrügerischen Machenschaften lange gedeckt hat. Da offenbar auch die amerikanischen Kontrollmechanismen versagt hatten, verloren die Anleger in der Folge des Skandals ihr Vertrauen in „Corporate America“ und witterten besonders bei Unternehmen mit komplexen Strukturen ebenfalls Betrug. Als Folge der so genannten „Enronitis“ gaben auch die Kurse von renommierten Konzernen wie General Electric, AOL Time Warner und Tyco International deutlich nach.

Tyco, der zweitgrößte Mischkonzern der USA, hat seit Dezember über zwei Drittel seines Börsenwertes verloren. Das ist aber nicht nur eine Folge der Enron-Pleite, sondern beruht auf Mauscheleien im Konzern. Das Management musste auf Nachfragen der Anleger zugeben, dass es in den vergangenen drei Jahren Unternehmen im Wert von acht Milliarden Dollar gekauft hat, ohne dies in der Bilanz auszuweisen. Der inzwischen zurückgetretene Tyco-Vorstandschef Dennis Kozlowski ist zudem wegen Steuerhinterziehung angeklagt. Auch das hat nicht eben dazu beigetragen, das Vertrauen der Anleger zurückzugewinnen.

Die Börse hat wiederholt versucht, wieder anzuziehen, nur um von einem weiteren Wirtschaftsprüfungsskandal oder geopolitischen Risiken zurückgeworfen zu werden, erklären die Ökonomen der Investmentbank Lehman Brothers die anhaltende Flaute. Auch Martin Mayer, Autor zahlreicher Bücher über die amerikanische Finanzszene und Analyst der Brookings Institution in Washington warnt: „Es wird an der Wall Street keine neue Rallye geben, solange das Vertrauen der Investoren nicht wieder hergestellt ist.“ Auch Anleger und Unternehmenschefs fühlten sich derzeit extrem unwohl, weil sie erkannt hätten, dass der Boom der 90er Jahre unter anderem auf frisierten Bilanzen beruhte.

Auch die amerikanischen Abgeordneten haben bisher nichts zur Entschärfung der Krise beitragen können. Noch zu Beginn des Jahres hatten sie eine umfassende Reform des amerikanischen Finanzsektors angekündigt. Doch darauf warten Anleger seitdem vergebens. Aus über 50 Reformvorschlägen im Zusammenhang mit Enron ist bislang noch kein einziges Gesetz entstanden. Experten in Washington sind sich einig, dass das US-Parlament sich nicht auf schärfere Bestimmungen für Wirtschaftsprüfer einigen wird.

Der Grund: Die traditionell starken Lobbyisten der Branche machen mächtig Druck gegen Reformen. Seit Jahren schon verteilen die fünf großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften großzügig Spenden an beide Parteien. „Diese Branche hat enorme finanzielle Mittel eingesetzt“, bestätigt Ross Eisenbrey, Direktor für Politik beim Think Tank Economic Policy Institute in Washington. Beobachter verlassen sich deshalb lieber gleich auf die Selbstregulierungskraft des Marktes. „Alles, was der Kongress bewirkt, ist zu zeigen, dass er etwas tut“, sagt Peter Wallison vom American Enterprise Institute in Washington. Dazu zählt er auch die bisherigen Initiativen des Kongresses.

So hat das republikanisch dominierte amerikanische Repräsentantenhaus im April einen Gesetzentwurf über strengere Regeln für Wirtschaftsprüfer und umfassendere Offenlegungspflichten für Unternehmen verabschiedet.

Der Vorschlag sieht unter anderem vor, dass eine unabhängige Behörde geschaffen wird, die unter der Aufsicht der US-Wertpapieraufsichtsbehörde SEC die Arbeit der Wirtschaftsprüfer überwacht. Dem Senat, in dem die oppositionellen Demokraten die Mehrheit besitzen, gehen diese Vorschläge jedoch nicht weit genug. Darum hat der Bankenausschuss des Senats einen schärferen Entwurf erarbeitet, der etwa eine andere Zusammensetzung der Mitglieder in der neuen Aufsichtsbehörde fordert und sicherstellt, dass Wirtschaftsprüfer ein Unternehmen nicht gleichzeitig prüfen und beraten dürfen. Der Widerstand gegen den Entwurf ist jedoch so groß, dass er bislang noch nicht einmal den Weg vom Bankenausschuss in das Plenum des Senats geschafft hat.

Aber womöglich lohnt sich ein Kampf um den Vorschlag ohnehin nicht: „Selbst wenn der Senat einen Entwurf verabschieden sollte, werden sich die Abgeordneten im Vermittlungsausschuss nicht auf einen Kompromiss einigen können“, prophezeit Jacobo Rodriguez von der wirtschaftsliberalen Denkfabrik Cato Institute.

Die Securities and Exchange Commission (SEC) hat bereits angekündigt, dass sie bis zum Jahresende einen eigenen Reformvorschlag vorlegen wird, sollte der Kongress keine Lösung finden. Doch auch davon versprechen sich die Experten in Washington keine entscheidende Verschärfung der Regeln. „Ich würde nicht erwarten, dass die SEC etwas tut, das irgendwie bedeutend ist“, sagt Brookings-Analyst Mayer. „Bush hat die SEC mit Leuten besetzt, die alle loyal gegenüber Wall Street sind.“

Auch Cato-Experte Rodriguez ist überzeugt: „Investoren und Unternehmen müssen die Sache untereinander regeln.“ Die Buchführungstricks von Enron hätten Investoren immerhin aufgeweckt und wesentlich skeptischer gegenüber Unternehmensbilanzen gemacht als zuvor. Dies habe bereits zu einigen Reformen geführt: „Anleger belohnen derzeit Unternehmen, deren Buchführung transparent und offen ist und bestrafen solche, bei denen sie verdächtige Bilanzierungspraktiken vermuten.“

So habe der amerikanische Expressdienst Fedex in dieser Woche etwa zum ersten Mal in der Unternehmensgeschichte Dividenden ausgeschüttet. Damit wollen sie den Investoren zeigen, dass sie reale Gewinne erwirtschaften und nicht nur die Bücher schönen“, sagt der Cato-Experte Rodriguez.

„Überall in den USA achten die Unternehmen jetzt penibel auf ihre Vermögensaufstellung“, sagt auch Finanz-Experte Wallison. „Vorstandsvorsitzende wissen ganz genau, dass sie ebenso enden wie der Vorstand von Enron, wenn sie dieselben Fehler begehen.“

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