Wirtschaft : Rendite à la Bohème

Lebensfrohe Alternativen zur konservativen Anlageform Gold sind Kulturgüter wie Wein oder Kunst

Jana Gioia Baurmann
Flüssiges Gold. Manch ein Wein, der im Weinkeller des weltbekannten Pariser Restaurants „La Tour d’Argent“ lagern, ist mehrere Tausend Euro wert. Foto: dpa
Flüssiges Gold. Manch ein Wein, der im Weinkeller des weltbekannten Pariser Restaurants „La Tour d’Argent“ lagern, ist mehrere...Foto: picture alliance / dpa

Die Börsenkurse scheinen derzeit noch wankelmütiger als sonst, Sparzinsen sind weiter niedrig, die Feinunze Gold so teuer wie nie. Die Suche nach alternativen Investitionsmöglichkeiten hat begonnen, und gerade bei Sachanlagen ist die Auswahl groß. In Kunst investieren? Den Weinkeller neu bestücken? In jedem Fall sind Anleger auf Expertenrat angewiesen.

WEIN

Weinkenner Mario Scheuermann beginnt mit dem Satz, mit dem jeder Anlageberater beginnt: „Spekulieren Sie nur mit Wein, wenn Sie Geld übrig haben.“ Spielgeld nennt er das. Und davon braucht man schon einiges, um auf dem Weinmarkt mithalten zu können. Eine Investition lohnt sich meist erst ab 6000 Euro. Soviel kostet die OHK, die originale Holzkiste mit zwölf Weinflaschen. Denn – das ist eine der Grundregeln – man kauft keine Einzelflaschen, sondern Kisten, und die werden auf keinen Fall angebrochen.

Seit 2006 sei der Weinmarkt heiß gelaufen, sagt Scheuermann, es habe gewaltige Kurssprünge gegeben. „In dieser Zeit konnte man den Einsatz locker verdoppeln.“ Momentan sei ein bisschen Ruhe eingekehrt, realistische Kursgewinne lägen bei 30 bis 50 Prozent innerhalb von fünf Jahren gesehen. Für eine Verdopplung müsste sich die wirtschaftliche Situation allerdings grundlegend ändern, sagt Scheuermann. So hat der Leitindex für feine Weine der Londoner Internet-Weinbörse Liv-ex, der Liv-ex 100, im August vier Prozent an Wert verloren. Der Index bildet die Preisentwicklung von einhundert größtenteils französischen Weinen ab.

Dass immer noch 50 Prozent Wertzuwachs drin sind, liegt am wachsenden Interesse der Schwellenländer wie Mexiko oder den BRIC-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China). In diesen Ländern wächst nicht nur die Zahl der Superreichen, es kristallisiert sich auch eine Mittelschicht heraus, die sich am europäischen Lifestyle orientiert. Das betrifft nicht nur Autos, Musik und Kleidung, sondern auch Essen und Trinken. Und was ist europäischer als Weinkennerschaft? Die Zahl der Menschen in den Schwellenländern, die sich für teure Weine interessiert, wachse schneller als die Menge der für die Spekulation geeigneten Weine, sagt Scheuermann. Denn die Anzahl der Weine, in die es sich zu investieren lohnt, ist limitiert. Das liegt daran, dass es nur wenige Weingüter gibt, deren Weine einen hohen Gewinn auf dem Markt erzielen. Allen voran sind es Bordeaux-Güter wie Lafite-Rothschild, Mouton, Margaux, Latour oder Cheval Blanc. Sie produzieren meist zwischen 200 000 und 400 000 Flaschen – auf den Weltmarkt umgelegt nicht viel.

Wein ist eine verderbliche Ware und muss daher fachmännisch gelagert werden, am besten im Keller bei acht bis zwölf Grad und Dunkelheit. Ideal ist eine Luftfeuchtigkeit von 70 Prozent, sie darf aber nicht so hoch sein, dass die Etiketten beschädigt werden. Nur mit makellosem Etikett erzielt ein Wein den optimalen Verkaufspreis. Eine Krux ist die voraussichtliche Lagerfähigkeit des Weines. Scheuermann rät: „Damit muss man sich intensiv befassen oder sich seinen Guru suchen, der das übernimmt.“ Sicherheit vermittelt auch die Lektüre von Fachzeitschriften oder Büchern, beispielsweise von Autoren wie Michael Broadbent oder Serena Sutcliffe. Doch auch dann bleibt Wein eine riskante Wertanlage, weiß Markus Oberg von der Vermögensberatung Eck und Oberg. Der Weinmarkt gilt als stark reguliert. Der Einkauf sei schwierig, da die bekannten Weingüter nur an Händler verkaufen, nicht an Einzelpersonen. Dazu kommen die Kosten für die richtige Lagerung. Probleme kann es auch beim Verkauf geben, wenn der Wein beispielsweise aus der Mode gekommen ist: „Gold kann man immer wieder verkaufen, Wein nicht unbedingt“, sagt Oberg.

WHISKY

Mit Johnnie Walker wird man nicht reich. Das wissen alle, die in Whisky eine Geldanlage sehen. Mehr müssen sie auch gar nicht wissen, wenn sie Uwe Wagmüller vertrauen. Er ist Fachhändler und Whisky-Kenner. Manche seiner Kunden kommen einmal im Monat in seinem Laden in Berlin-Schöneberg vorbei, kaufen ein oder zwei Flaschen und lassen sie im Keller verschwinden. „Die haben keine Ahnung von Whisky, aber sie wollen damit ihre Rente aufbessern“, sagt Wagmüller. Whisky wird gehandelt, nicht mehr nur getrunken. Mit Whisky lasse sich eine Rendite von 100 Prozent über drei Jahre erzielen – „wenn man sich ein bisschen auskennt“, wie Wagmüller sagt. Wie auch beim Wein sorgt die steigende Nachfrage für eine Wertsteigerung. „Es kommt darauf an, ob die Asiaten auf den Geschmack kommen“, meint Wagmüller. Die bevorzugen derzeit insbesondere den „Macallan“, der Rolls-Royce unter den Whiskys.

In Europa und den USA boomt Whisky seit knapp zehn Jahren, und der Trend hält sich. Das Angebot ist riesig, wer sich nicht auskennt, ist leicht überfordert. Um sich einen Überblick zu verschaffen, rät Wagmüller zum Besuch der Auktionsplattform im Internet whiskyauction.com. Dort kann man sehen, was gefragt ist und wie viel eine Flasche wert ist. Wie sich der Preis entwickeln kann, zeigt das Beispiel „Black Bowmore“. Ende der 1990er konnte man die Flasche für 180 Mark kaufen, heute bekommt man keine für weniger als 3000 Euro.

In seinem eigenen Laden „Finest Whisky“ hat Wagmüller rund 1300 Sorten vorrätig. Seinen Kunden rät er zum Kauf von Originalabfüllungen, von Brennereien mit einem Namen, zum Beispiel „Port Ellen“ oder „Ardbeg“. Beide liegen auf der schottischen Hebriden-Insel Islay. Eine ordentliche Rendite verspricht der „Alligator“, der neueste Malt-Whisky aus der Ardbeg-Destillerie. Bei Wagmüller kostet die Flasche 68,90 Euro. Auf seiner Website heißt es, Ardbeg-Tropfen seien „rauchig, torfig, salzig, mit starken Phenoltönen“. Charakteristisch seien auch die Noten von Lakritz und Lack. Wissen muss man das alles nicht. Denn wer will schon seine Superrendite vertrinken?

KUNST

Pablo Picasso ist die Deutsche Bank auf dem Kunstmarkt, ein Blue-Chip-Künstler, ein Topname, der auf dem Kunstmarkt zu hohen Preisen gehandelt wird, dafür aber wertstabil ist – so heißt es meist. Doch bei Daniel von Schacky, dem Geschäftsführer der Villa Grisebach Auktionen in Berlin, stellen sich bei solchen pauschalen Aussagen die Nackenhaare auf. Er sagt: „Aus Erfahrung weiß ich, dass die meisten Sammler, die mit Kunst Geld verdient haben, mit dem Auge gekauft haben.“ Und nicht mit den Ohren.

Aus Investmentsicht ist es am klügsten, in den liquidesten Markt zu gehen, also das Geld in Kunstwerke des 20. und 21. Jahrhunderts anzulegen. „Wenn man nur nach diesem Aspekt geht, ist eine Investition in Blue-Chip-Künstler am sinnvollsten“, sagt Schacky. Doch Picasso sei nicht gleich Picasso: „Er hatte eine lange Schaffensphase, nicht alle Werke sind gleich wertvoll“, sagt Christine Schroeter-Herrel, Kunstexpertin des Private Wealth Managements der Deutschen Bank. Man sollte immer versuchen, die beste Qualität zu kaufen. In ein zweitklassiges Werk eines erstklassigen Künstlers zu investieren ist beispielsweise nicht ratsam.

Bei den zeitgenössischen Künstlern sollte man vorsichtig sein und sich gründlich informieren. Bei manchen Künstlern spricht Schroeter-Herrel von einem Risikokapital. „Die meisten von ihnen werden wahrscheinlich nicht in das Pantheon der teuersten Künstler aufsteigen“, schätzt Schacky. Zu kurz ist die bisherige Schaffensphase und Verkaufshistorie. „Bei Neo Rauch oder Daniel Richter sind wir noch zu nah dran, das können wir noch nicht beurteilen“, sagt Schacky. 30 bis 40 Jahre dauert es, bis der Kanon feststeht.

Ein wichtiger Punkt ist die Lagerung: Wie beim Wein müssen Temperatur und Luftfeuchtigkeit stimmen. Und auch die Kunst braucht Zeit, das Investment ist kein schnelles Geschäft, sondern sollte auf mindestens fünf Jahre angelegt sein. Wertentwicklungen von Kunstobjekten finden häufig in sehr langfristigen Zyklen statt. Ein Nachteil am Kunsthandel sind die hohen Transaktionskosten: die Provisionen für Galerien und Auktionshäuser.

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