Wirtschaft : Revival heißt das Motto - alte Namen in neuen Hüllen

Wolfgang Joop

"Revival" heißt das Gebot der Mode. Nach der Reinkarnation des Hauses Gucci, das noch vor ein paar Jahren so tot war wie seine Gründer, ist in der internationalen Modeszene ein wahrer Goldgräber-Wahn ausgebrochen. Nach der unglaublichen Wiederbelebung von Gucci durch das Duo Domenico Sole und Tom Ford, hofft man in angestaubten Fashion-Häusern auf Lebensretter.

Doch einen andauernden Rausch zu erzeugen, ist keine leichte Aufgabe. Erstens gibt es Design-Talente nicht per Bestellkatalog, die den alten Hausgeist mit dem Zeitgeist verkuppeln können. Ein bisschen Make-up reicht nicht. Zweitens gibt es noch weniger Modemanager, die sich ihrem Job mit mehr Passion widmen als ihrem persönlichen Image. Auf Chefetagen laufen mehr Models herum, als auf den Laufstegen. Echte Rekonstruktion braucht beides, Top-Design, Top-Management, Vision und Investition. Reine Geschäftsleute wissen nicht, wofür sie den Scheck ausschreiben sollen: für den Ideengeber oder den Ideenverwalter. Das nahe Ziel ist ihnen vertrauter als das ferne. Die Spielregeln zwischen kommerziellem und redaktionellem Erfolg können sie oft nicht begreifen.

Die Begründer der Modelegenden wie Gucci, Yves St. Laurent, Dior, Vuitton, Balmain sind verstorben oder abgetreten. Ihre Moderevolution konnte noch gelingen - zumal vor einer Gesellschaft, deren Regeln festgelegt waren. Sie konnten Regeln brechen und Modernität zelebrieren vor einer sich langsam bewegenden Zeitkulisse. Nach Ihren Mode-Diktaten richtete sich eine ganze Generation.

Nach einer Zeit aufgeblähter Design-Hybris in den 80ern und 90ern blieb als tatsächliches Mode-Item das T-Shirt übrig. Damit allein ist nicht allzu große Kasse zu machen. Ende der 90er strecken Fendi- und Gucci-Models auf ganz und gar indiskrete Weise jedem Beschauer Taschen- und Firmen-Logos entgegen.

Die Zukunft der jungen Designer, die von den neuen Inhabern alter Marken engagiert worden sind, kleiden sich selbst zwar durchaus schlicht in Cargo-Pants und Shirts, haben aber gemeinsam das Ende der minimalistischen Zurückhaltung beschlossen. Kein Wunder also, dass im Revitalisierungsrausch der "Material-Marsch" der 80er Jahre geblasen wird.

Die ersten Tage der Pariser Pret-á-Porter-Schauen für den ersten Sommer 2000 zeigten Kunterbuntes von gestern der Interpreten von heute: Marc Jacobs, der zierliche Amerikaner mit dem Pony-Schwänzchen, präsentierte das Beste und Schlechteste aus der Zeit als sich die Baby-Boomerin nicht ohne die Initialien "LV" an Tasche, Koffer, Schirm und Schuh aus dem Haus traute. Ähnlich behängt mit Gepäck und Accessoires wie damals schickte er seine Models auf den Laufsteg. Indiskret große Logos überall - kein Top-Model würde es freiwillig tragen. Aber da die meisten unserer Zeitgenossen geschmacklich noch tief in den 80ern stecken, macht die Überplatzierung Sinn.

Alber Elbaz für Yves St. Laurent hat sich leider auch von den 80ern inspirieren lassen, einer Zeit, als seinem Meister schon die kreative Puste knapp geworden war. Breite Schultern und kastige Schnitte. Keiner hatte allerdings erwartet, dass er besser sei als sein "großer Schatten". Aber die hoffnungsvollen Fans von Yves St. Laurent hatten eine Wiederauferstehung der frühen 70er erwartet, als St. Laurent zum Stil-Gott der Nachkriegszeit gekürt wurde. Alber Elbaz, Yves St. Laurents Nachfolger, hat es schwer - aber ein guter Designer klaut, statt zu kopieren. Und wenn, dann nicht in der falschen Epoche. Die Marke "Yves St. Laurent" ist deshalb der größte Goldfisch, den sich verschiedene Mode-Tycoone angeln wollen. Der Konzern "LVHM" und das Haus "Gucci" werfen schon Köder in Milliardenhöhe aus.

Das Geschäft mit "must-to-have"-Stücken hat sich "Balmain" lange entgehen lassen. In allzu viel ungeschickte Besitzer-Hände war das Haus von Pierre Balmain nach seinem Tod gefallen. Selbst der amerikanischie Couturier, Oscar de la Renta, hatte nach einer Saison das Pret-á-Porter-Handtuch geworfen.

Ein Vertrag mit den alten Modehaus-Geistern ist allerdings auch ein Faustischer Pakt für Designer. Was zum Beispiel hätte man über Gilles Dufour gesagt, hätte er gewagt, ein Kostüm zu zeigen, das auch nur entfernt an Chanel-Kostüme erinnert hätte? Versucht man den alten Geistern Leben einzuhauchen, fauchen sie manchmal böse zurück!

Seltsam ist es schon, dass inmitten des globalen Jugendwahns sich kaum Investoren finden, um jungen Modetalenten zu helfen, ein eigenes Imperium zu gründen. Lieber poliert man an alten Firmenlogos und Initialien herum, um ihnen den Glanz zu verleihen, der die Heerscharen von willigen Modeopfern anlockt.

Haben alle endlich die erkennbar gleiche Tasche, den gleichen Schuh, tragen alle endlich das gleiche Etikett, tritt wohl das Gefühl von Sicherheit und Zugehörigkeit zu der Welt ein, in der weiterhin das Credo gilt: "Seht her, ich shoppe, also bin ich!"

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