Rückruf bei Mars : Mann biss schon 2014 auf Plastik im Schokoriegel

Bereits 2014 will ein Mann auf Plastik in einem Mars-Riegel gebissen haben. Statt Rückruf gab es damals Schokolade.

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Plastik im Riegel - ein Einzelfall oder nicht?
Plastik im Riegel - ein Einzelfall oder nicht?Foto: dpa

Berlin - Jemand beißt in einen Schokoriegel, stößt auf etwas Hartes, findet ein Plastikteil zwischen Karamell und Schokolade und informiert den Hersteller – doch niemand erfährt etwas davon: So ist es angeblich einem Mann aus Schleswig-Holstein ergangen. Seinen Schilderungen zufolge hatte er bereits im März 2014 ein ähnliches Erlebnis wie jüngst jene Frau, deren Beschwerde dem Mars-Konzern Anlass zum Rückruf von Millionen Süßigkeiten gab.

Wie der heute 62-Jährige dem Tagesspiegel sagte, hatte er an einer Tankstelle einen Mars-Riegel gekauft und direkt hineingebissen, spürte beim Kauen dann einen stechenden Schmerz. „Da habe ich zunächst ein Stück Zahn und schließlich ein kleines weißes Plastikteil ausgespuckt“, sagt S. Den Fund zeigt er seiner Frau und dem Tankwirt, zu Hause macht er Fotos, mailt sie an die Firma Mars. Die bittet um Einsendung der Verpackung und des Fremdkörpers. Und schickt S. Wochen später ein Schreiben, in dem man ihm sein Bedauern ausdrückt – und ein Schokoladenpaket ankündigt: Sollte er einen Kostenvoranschlag für seine Zahnarztbehandlung einreichen, sei man darüber hinaus bereit, sich diesbezüglich mit der Versicherung abzustimmen.

„Für mich war der Fall erledigt“, sagt S. Als er nun aber, knapp zwei Jahre später, von der gigantischen Rückrufaktion des Unternehmens hört, ist er doch irritiert. „Ich frage mich natürlich: Wieso ist damals nichts passiert?“

Der Konzern stellte fest: "Das Teil kommt nicht von uns"

In der Mars-Zentrale im nordrhein-westfälischen Viersen bestätigt man den Fall grundsätzlich. Wieso das Unternehmen damals so anders reagiert hat, erklärte ein Sprecher dem Tagesspiegel so: „Wir nehmen jeden Fall genauso ernst wie den jüngsten. Das eingesandte Teil haben wir an unsere Qualitätssicherung weitergegeben. Deren Analyse ergab damals, dass das Kunststoffstück definitiv nicht aus unserer Fabrik stammt.“ Auch aus den Schichtprotokollen seien keine Unregelmäßigkeiten ersichtlich gewesen. Aus reiner Kulanz also habe man Herrn S. damals angeboten, sich seine Arztrechnung anzusehen. So geht es auch aus dem Antwortschreiben hervor, das dem Tagesspiegel vorliegt.

Ein weißer Plastiknupsi - den fand ein Käufer angeblich schon 2014 in einem Mars-Riegel.
Ein weißer Plastiknupsi - den fand ein Käufer angeblich schon 2014 in einem Mars-Riegel.Foto: privat

Bei der Verbraucherzentrale Hamburg staunt man jedoch über diese Reaktion des Süßwarenkonzerns. „Es ist höchst fraglich, wie das Unternehmen hundertprozentig ausschließen will, dass das Teil in seinem Betrieb in den Riegel gelangt ist“, sagte Armin Valet, Experte für die Ernährungsbranche. „Selbst wenn es nicht von einer Maschine kommt, bieten sich angesichts derartiger Massenproduktion genug Lücken, wenn sich nur ein Mitarbeiter nicht an die Reinlichkeitsvorgaben hält.“ Die Aussage des Konzerns sei nicht nur gewagt, sie zeuge auch von einer gewissen Chuzpe: Faktisch unterstelle er dem Kunden, dass er gelogen hat. „An welcher Stelle sollte das Plastik sonst in das Produkt gelangt sein? Ein Schokoladenriegel ist ja etwas anderes als eine Flasche Limonade“, sagt Valet. Armin S. beteuert: „Ich habe mir das nicht ausgedacht.“

Wie groß der Schaden wirklich ist, kann nur Mars beurteilen

„Wir sind ja froh, dass der Hersteller die Sache so ernst nimmt“, sagt der Hamburger Verbraucherschützer mit Blick auf die aktuellen Maßnahmen. Schließlich meldeten sich regelmäßig Konsumenten wegen Fremdkörpern in Lebensmitteln – „mal ist ein Steinchen in der Linsenpackung, mal ein Knochenstück in der Wurst. Meistens passiert gar nichts.“ Der aktuelle Rückruf sei jedoch von bisher ungekannter Dimension. Weil eine Frau Plastik im Riegel fand, hat der Konzern tonnenweise Schokoriegel der Marken Mars, Snickers und Milky Way in 55 Ländern zurückgerufen. „Insgesamt umfasst die Liste 160 verschiedene Haltbarkeitsdaten – es ist schon merkwürdig, wieso sich das nicht näher eingrenzen lässt.“ Ist der Schaden womöglich größer, als der Konzern zugibt? Mars hatte das besagte Teil als Stück eines Deckels identifiziert, mit dem eine Schokoladenleitung verschlossen wird.

Eine perfide Marketingstrategie, über die vereinzelt spekuliert wird, hält Doreen Pick von der Freien Universität Berlin nicht für wahrscheinlich. „Zwar sendet der Rückruf die Botschaft, dass Mars sich kümmert und zu seiner Verantwortung steht, also zu den Guten gehört, in Zeiten, in denen die Süßwarenindustrie am Pranger steht.“ Gleichzeitig sei ein Imageverlust aber nicht vermeidbar. „Gerade vor Ostern dürfte die Meldung zu Umsatzeinbußen führen. Der Rückruf erstreckt sich auf so viele Produktvarianten, dass viele aus Verunsicherung wohl vorsichtshalber zu anderen Marken greifen werden.“

Die Produktrückrufe bei Lebensmitteln nehmen zu

Unternehmen sind in Deutschland verpflichtet, gesundheitsgefährdende Funde anzuzeigen. Laut dem größtem Versicherer Allianz kommt es immer öfter zu Produktrückrufen bei Lebensmitteln. Ein Grund seien komplexere Lieferketten – aber auch eine Verschärfung der Vorschriften zur Verbrauchersicherheit sowie die schnelle Verbreitung von Informationen auf der ganzen Welt: „Ein Skandal kann ein Unternehmen schnell ruinieren.“

Plastik im Riegel – ein Einzelfall oder nicht? Wie häufig sich Kunden mit ähnlichen Anliegen beschweren, wollte Mars am Freitag nicht kommentieren. Verbraucherschützer raten, Beweisstücke niemals aus der Hand zu geben und sich statt an den Hersteller an die Lebensmittelaufsicht zu wenden. Das Portal Lebensmittelwarnung.de listet Produktrückrufe auf. So warnt es aktuell zum Beispiel vor Holzteilen in Alete-Risotto und Glasscherben in Schattenmorellen.

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