Wirtschaft : Rüdiger Stuckart

Geb. 1944

Stephan Reisner

Die Sache mit dem Vater, der Berufsweg, das Private: ein 68er. Im Grunde betraf es jeden, nicht nur ihn. Sechs Millionen ermordete Juden. Rüdiger Stuckarts Vater war einer jener fünfzehn Funktionäre, die im Januar 1942 am Konferenztisch der Villa am Wannsee den Holocaust organisierten. Er war Jurist und Staatssekretär im Reichsministerium des Inneren.

Eine Spruchkammer stufte Wilhelm Stuckart nach dem Krieg als „Mitläufer“ ein, für Rüdiger blieb der Vater zeitlebens ein Krimineller.

Wie hätte er auch seinen Frieden mit ihm machen können? Rüdiger Stuckart hat seinen Vater kaum kennen gelernt. Nach dem Krieg saß er in Haft, als Rüdiger sechs war, wurde Wilhelm Stuckart entlassen. Er zahlte 50000 Mark Geldstrafe. Liebenswertes konnte sein Sohn an ihm nicht finden. Sein Vater war ein harter, autoritärer Brocken. 1953 starb Wilhelm Stuckart bei einem Autounfall. Aber die Schuld lebte leise weiter.

Die Mutter schwieg. Die beiden älteren Brüder hielten sich bedeckt. Nur langsam sickerte die Wahrheit durch. Als Rüdiger begriff, was sein Vater getan hatte, war er alt genug, die Familie zu verlassen und nach West-Berlin zu gehen. Hier musste er keinen Wehrdienst leisten, hier war alles anders. Er nahm ein Soziologie-Studium auf, fuhr nachts Taxi und las sich die Augen wund. Während seine Brüder im Lichtjahre entfernten Westdeutschland ordentliche bürgerliche Karrieren machten, der eine als Ingenieur, der andere als Jurist, gehörte Rüdiger zu den Studenten, die demonstrierend durch die Straßen zogen – gegen den Vietnamkrieg, für eine andere Gesellschaft.

Dem Soziologie-Studium folgte eine Sonderschulausbildung. Denn da war noch etwas, ein zweiter schwarzer Fleck in der Familiengeschichte. Dass es einen dritten Bruder gegeben hatte, der Anfang der Vierziger Jahre in einer Klinik gestorben war, das wusste Rüdiger schon länger. Dass es ein behindertes Kind gewesen war, das erfuhr er erst jetzt. Er konnte es nicht beweisen, aber er vermutete einen Fall von Euthanasie.

Und also verschrieb er, der immer Konsequente, sich im Arbeitsleben ganz der Integration behinderter Kinder und Jugendlicher. Mit „Integrativen Kinderläden“ fing es an, später wurde er bei Rektoren vorstellig und erklärte ihnen, dass und wie man Behinderte in den ganz normalen Schulbetrieb einbeziehen muss.

Rüdiger Stuckart war ein Achtundsechziger, im Beruflichen wie im Privaten: Als er Francine kennen lernte, eine junge Kinderpsychologin aus der französischen Schweiz, wohnte er noch mit seiner Tochter und der Ex-Freundin zusammen in einer Wohngemeinschaft, doch das Verhältnis war längst geklärt. Nun bezog Francine ein Zimmer in der Nachbar-WG. Mal war er drüben bei ihr, mal kam sie zu ihm. Als das permanente Türenaufschließen lästig wurde, zogen sie gemeinsam mit vier weiteren Freunden in ein ehemaliges besetztes Hinterhaus in Kreuzberg.

Rüdiger Stuckart blieb bei seinen Idealen – nicht nur auf Kosten einer geschmeidigen Karriere, manchmal auch zu Ungunsten des Familienlebens mit Francine und den zwei Kindern, die noch kamen. Erst der Prostata-Krebs veränderte seinen Blick auf das Eigene. Ein neuer Kampf begann. Nicht nur gegen die Krankheit, auch gegen die Eilfertigkeit der Ärzte. Eine Operation kam nicht in Frage, er wollte seine Sexualität nicht aufs Spiel setzen. Er suchte nach alternativen Heilmethoden und nach Leidensgenossen, mit denen er eine Selbsthilfegruppe gründete.

Fünf Jahre lang ging es mit dem Krebs hin und her – und Rüdiger Stuckart wurde sanfter, weicher. Er lernte, die schönen Dinge des Lebens sehen: Einen blühenden Krokus, den Sonnenaufgang, wenn er am Wintermorgen in den Treptower Park zum Chi-Gong radelte. Die Familie beglückte er als hingebungsvoller Koch.

Nur mit einer Sache kam er nicht ins Reine. Sie verfolgte ihn bis in die Träume. Worin er die Ursache seines Krebses sehe, fragte ihn ein Alternativmediziner. Rüdiger Stuckart zögerte nicht: „In der Geschichte meines Vaters.“

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