Wirtschaft : Ruf wie Donnerhall

Das Berliner DIW sucht einen neuen Präsidenten.

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Foto: ddp
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Berlin - Der Kandidat muss einiges auf dem Kasten haben. Eine „international ausgewiesene Persönlichkeit“ soll er (oder sie) sein, mit der „Fähigkeit zur Führung und wissenschaftlichen Leitung eines großen Instituts“. Voraussetzung sind „exzellente Leistungen“ in der Forschung, ebenso wie Expertise in der wirtschaftspolitischen Beratung. Immerhin ist ein wichtig klingender Titel zu vergeben: Der „Vorsitzende des Vorstands (Präsident)“ wird gesucht – für das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). So steht es in der Stellenausschreibung. Am Dienstag endet die Bewerbungsfrist. Bis aber tatsächlich ein neuer Chef in das Haus in der Berliner Mohrenstraße einzieht, könnte es noch eine Weile dauern.

Wer den Spitzenposten ergattert, dem ist eine Menge Renommee sicher: Es geht um die Führung von Deutschlands größtem und ältestem Wirtschaftsinstitut mit mehr als 250 Forschern, Verwaltungsleuten und Doktoranden. Wer kluge Ratschläge parat hat, kann sich im Berliner Politikbetrieb einen Namen machen, gerade im Trubel der Finanzkrise. Minister und Kanzler schätzten in der Vergangenheit die Tipps der DIW-Oberen.

Der Reiz, der vom Präsidentenposten ausgeht, ist bislang dennoch übersichtlich. Die Zahl der Bewerber halte sich noch in Grenzen, heißt es in informierten Kreisen. Klar ist: Um einen leichten Job geht es keinesfalls. „Damit rechnet angesichts der Vorgeschichte aber auch niemand“, sagt ein renommierter Wissenschaftler. Noch immer sitzt den DIW-Leuten die Affäre um ihren Expräsidenten Klaus Zimmermann in den Knochen. Nach finanziellen Unregelmäßigkeiten und endlosen Querelen wegen seines selbstherrlichen Führungsstils musste er Anfang 2011 seinen Hut nehmen. Seitdem führt der auf Konsens bedachte Sozialexperte Gert G. Wagner das DIW.

Doch dessen Vertrag läuft dieses Jahr aus, er war von Anfang an nur ein Mann für den Übergang. Nun soll ein Wissenschaftler von internationalem Ansehen her, angesichts der Krise soll er sich auf Makroökonomie verstehen, also auf die großen Zusammenhänge von Zinsen, Währungen, Wachstum und Beschäftigung. Für keynesianische Ideen muss er, der DIW-Tradition gemäß, zumindest ein offenes Ohr haben, wünschen sich die Wissenschaftler in der Auswahlkommission, im Idealfall findet sich eine Frau.

Dieses Anforderungsprofil macht es nicht einfacher: Jahrelang war Makroökonomie unter Volkswirten außer Mode, entsprechend wenige Nachwuchskräfte von Rang gibt es. Und nicht auf alle übt ein Institut eine große Anziehungskraft aus, da Universitäten mit exzellenten Arbeitsbedingungen locken. „Wer das macht, hat so viel mit dem Management des Hauses zu tun, dass er sich die Forschung abschminken kann“, sagt ein erfahrener Ökonom. „Das muss man wollen.“

Trotzdem machen bei denen, die die Auswahl treffen, mehrere Namen die Runde. Als chancenreich gilt etwa die Tübinger Ökonomin Claudia Buch. Sie ist Vorsitzende des Wissenschaftlichen Beirats von Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) und ehrgeizig. Auch der Name des US-Forschers Michael Burda von der Humboldt-Universität, fällt oft. Peter Bofinger aus Würzburg, im Sachverständigenrat und eher gewerkschaftsnah, soll schon abgewunken haben. „Aber wenn man ihn nett bittet, kommt er vielleicht, er ist ja ein bisschen eitel“, sagt ein Kollege. Der junge Lars Feld aus Freiburg, auch ein Wirtschaftsweiser, hat Fürsprecher, gilt anderen aber als zu liberal. Chancen eingeräumt werden auch Ansgar Belke, der bereits am DIW forscht, außerdem Marcel Fratzscher von der EZB.

Als Traumbesetzung gilt die Schweizerin Béatrice Weder di Mauro. „Die hat einen Ruf wie Donnerhall“, heißt es in Berlin. Doch sie wird in ihrer Heimat als neue Notenbankpräsidentin gehandelt, ein weitaus attraktiverer Job.

Mitte Februar wird sich eine aus zwölf Wissenschaftlern bestehende Kommission unter der Führung des Ex-Wirtschaftsweisen Bert Rürup treffen, um die Bewerberlage zu sondieren. Womöglich muss sie noch Geduld aufbringen. Denn im April wird das DIW von Experten auf seine Forschungsqualität geprüft, erst danach ist klar, welche Qualität das Haus wirklich hat und über wie viel Geld es in Zukunft verfügt. „Wer sich vorher um die Führung bewirbt, kauft die Katze im Sack“, heißt es. Gut möglich also, dass mancher Kandidat seine Bewerbung verspätet einreicht. Carsten Brönstrup

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