Wirtschaft : Ruppige Methoden auf der Königsstraße der Banker

Selbst die besten Finanzexperten in der Londoner City verlieren ihren Job. Doch die WestLB hält vorerst an ihrer Topfrau Robin Saunders fest

Matthias Thibaut

London. Die Kündigung kam an der Parkplatzschranke. „Ab Dienstag arbeiten sie hier nicht mehr. Ihr Pass wurde annulliert“, erklärte der Parkwächter hilfreich, als City Banker Mike Newman von der ABN Amro Bank Anfang Juni nicht mehr auf den Firmenparkplatz kam. In der Londoner City wird mit allen Methoden gefeuert. Per Email oder elektronischer Kurzbotschaft laufen die Kündigungen ein. Und wer morgens rausgeschmissen wird, kommt am Nachmittag schon nicht mehr an seinen Schreibtisch zurück.

Der Top-Frau der Westdeutschen Landesbank (WestLB) ist das bislang erspart geblieben. Robin Saunders wird zwar für das Finanzdebakel der Düsseldorfer Bank mitverantwortlich gemacht. Gefeuert wurde bislang aber nur ihr Chef, der WestLB-Vorstandsvorsitzende Jürgen Sengera. Saunders hatte für die Bank eine riskante TV-Leasing-Finanzierung eingefädelt. Die WestLB musste überraschend hohe Wertberichtigungen vornehmen. Die größte deutsche Landesbank soll sich deshalb aus den Auslandsgeschäften zurückziehen, meinen einige ihrer Eigentümer.

Drehscheibe dieser internationalen Finanzierungen ist London. Jede deutsche Bank, die etwas auf sich hält, ist deshalb in der britischen Hauptstadt vertreten. Jetzt herrscht Krisenstimmung, weil neue Geschäfte nicht laufen, weil frühere Geschäfte sich nicht mehr rechnen. Die Folge: Investmentbanker werden reihenweise arbeitslos.

„Deutsche Firmen tun sich mit den Entlassungen besonders schwer“, sagt eine Sprecherin von Commerzbank Securities, dem Corporate Finance Arm der deutschen Bank. „Die Kultur ist da ein bisschen anders.“ Nur zögernd räumt sie ein, dass auch bei ihnen von weltweit 1600 Beschäftigten 420 gekündigt wurden. Mindestens 50000 der einst 600 000 Finanzarbeiter im Londoner Finanzzentrum haben Schätzungen zufolge in den vergangenen zwei Jahren ihren Job verloren. Niemand kennt die genaue Zahl. Die Banken reden nur ungern darüber.

Betroffen sind alle Sparten des Bankgeschäfts, aber nirgends war es so schlimm wie auf der Königsstraße des Banking. In den Bereichen Corporate Finance und Mergers & Aquisitions wurden schätzungsweise die Hälfte der Kapazitäten abgebaut, sagt ein Insider der Deutschen Bank. Bei sinkenden Aktienpreisen und ungewissen Aussichten wagen sich nur die Furchtlosen an Übernahmen. Niemand denkt an einen Börsengang.

Die Besten bleiben am längsten. Das gilt für die Menschen und die Unternehmen. „Die jetzt entlassen werden, sind Topleute, die schon sechs, sieben Entlassungswellen überlebt haben“, berichtet Frank Hollmeyer von der City Headhunter Agentur Armstrong International. Auch deutsche Banken treten den Rückzug aus dem Turbobereich der Spezialfinanzierungen an. Die Bayerische Landesbank schließt zwei Drittel ihrer Auslandsstützpunkte. In London soll jeder fünfte der 190 Mitarbeiter gehen. Die Londoner Aktivitäten der Bankgesellschaft Berlin werden „redimensioniert“. In den späten 80er Jahren kamen sie auf der Suche nach Geld und Ruhm hierher und wollten im profitablen Finanzierungs- und Fusionsgeschäft mitmischen. Englische Banker sprechen unumwunden von den kulturellen Schwierigkeiten und dem mangelnden Verständnis der Deutschen für dieses Geschäft. Auch Headhunter Frank Hollmeyer glaubt, dass die deutsche Bankentradition „zu bürgerlich und provinziell“ ist. Nur die Deutsche Bank habe den Sprung ins das angelsächsiche Banking wirklich geschafft.

„Die WestLB ist eine Sparkasse. Der Geist in einem solchen Unternehmen ist ganz anders. Möglich, dass der Vorstand in Düsseldorf keine Ahnung hatte, was da für Risiken eingegangen wurden“, sagt Hollmeyer. Eine ähnliche Grenze wie in der Bankenkultur gibt es in der Berufsauffassung. „In Deutschland glaubt man noch an den Job fürs Leben“, sagt die Commerzbank-Sprecherin. Und Ralph Arnold, ehemaliger Banker, sieht aus seinem Appartement über die Themse und sagt: „Ein guter Banker, der in den 90er Jahren in der Londoner City gearbeitet hat, muss sein Leben lang nichts mehr tun.“

Doch das gilt nur für die Besten. Das Durchschnittsgehalt in der City ist seit dem 11. September auf 104 000 Pfund (rund 140 000 Euro) gesunken – um knapp 17 Prozent, berichtet der britische Industrieverband CBI. Bonuszahlungen, für Spitzenleute der wichtigste Teil des Gehalts, sind fast ganz versickert. Doch jetzt gab es einen der seltenen Einblicke, weil bekannt wurde, dass Dresdner Kleinwort Wasserstein, die durch viel angelsächsisches Personal angereicherte deutsche Investmentbank, ihrem Spitzenmann Tim Schacklock vergangenes Jahr im Rahmen eines mehrjährigen Bonusvertrags fast 26 Millionen Pfund überwies.

Auf dem Arbeitsamt landen die gefeuerten Investmentbanker allerdings nicht. Laut einer Studie der Personalagentur Chiumento wollen viele die Krise nutzen, um dem Stress der City zu entkommen. Sie werden Farmer, oder gründen, wie der von der Deutschen Bank freigesetzte Harry Daswani, eine Klempnerfirma. Andere züchten Orchideen oder fahren ihre Kinder zur Schule. Einer ist Priester geworden.

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