Wirtschaft : Rußland braucht Helden

Sie ist das sechste Mitglied des russischen Unterhauses, das seit 1993 ermordet wurde und bereits die dritte Prominente, die allein in den vergangenen Monaten in St.Petersburg getötet wurde.Nur selten werden in Rußland die Schützen von Auftragsmorden gefunden.Ebenso verheißt es nichts Gutes für die Ermittlungen, daß Präsident Boris Jelzin, der sich persönlich um den Fall kümmern wollte, kurze Zeit später mit einer Lungenentzündung ins Krankenhaus eingeliefert wurde.

Kein Wunder, daß viele Russen mit Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung auf den Tod einer ihrer bekanntesten Politikerinnen reagierten.Die Regierung Rußlands, geführt von Technokraten und nicht von Führungspersönlichkeiten,ist unbrauchbar, wenn es darum geht, solche Taten zu verhindern und zu verurteilen.Genauso unfähig ist sie, den Zusammenbruch der russischen Wirtschaft zu stoppen.In diesem Vakuum kann sich die Kriminalität mühelos bewegen.Die Jagdsaison auf Reformer, Journalisten und Juden scheint eröffnet.

Im Gegensatz zu vielen anderen Prominenten, die in jüngster Zeit ermordet wurden, verfolgte Galina Starovoitova keine bekannten Geschäftsinteressen.Obwohl sie in der sowjetischen Ära aufwuchs, in der Korruption, wie heute, zur Tagesordnung gehörte, entwickelte sie ein moralisches Rückgrat.Sie datiert ihren Abfall vom Regime auf die russische Invasion in die Tschechoslowakei im Jahr 1968, gegen die sie sich mutig auflehnte.Als Mitglied des Obersten Sowjet wurde sie berühmt.In der Ära Gorbatschow trat sie für einen Aufbau der Sowjetunion nach dem Vorbild des britischen Commonwealth ein, was ein durchaus ketzerischer Vorschlag zu dieser Zeit war.

Hätte sie weitergelebt, wäre Galina Starovoitova sicherlich zu einer noch mächtigeren Kraft in der russischen Politik geworden.Vor vier Monaten erst gründete sie einen politischen Block mit Namen "Severnaya Stolitsa", um den ewig zersplitterten Demokraten zu einer Einheit für die Parlamentswahlen am 6.Dezember zu verhelfen.Ebenso kündigte sie ihre Kandidatur zu den Wahlen im Februar als Gouverneur der Region Leningrad Oblast (eine Region in der Nähe von St.Petersburg mit Häfen und Ölpipelines) an.Ihre Zeitung griff kühn kommunistische Funktionäre wegen Korruptionsdelikten an.Unverblümt beschuldigte sie auch Rußlands Kommunisten des Antisemitismus und des Nationalismus.Sie war eine der wenigen "Demokraten", die an vorderster Front kämpften und sich nicht mit einer Zuschauerrolle begnügten.Es überrascht also nicht, daß Galina Starovoitova Feinde hatte.Im September wurden zwei Moskauer Bürger inhaftiert, weil sie versucht hatten, in ihrer Wohnung eine Abhöranlage anzubringen.Sie soll Morddrohungen erhalten haben.

Die zahlreichen Reaktionen auf den Tod Starovoitovas zeigen, wie sehr Rußland Helden braucht.Galina Starovoitova wohnte in einem Appartementhaus am St.Petersburger Griboedova Kanal, der Ort, an dem Dostojewskis Romanfigur Raskalnikov seinen gräßlichen Mord in "Schuld und Sühne" beging.Es ist unwahrscheinlich, daß die Mörder Starovoitovas von ihrem Gewissen gequält werden, und daß dies letztendlich zu ihrer Festnahme führt.In einem Rußland, in dem das Gewissen der Unmoral untergeordnet wurde, werden die Mörder Galina Starovoitovas, wie die meisten der anderen ermordeten Journalisten, Politiker und Unternehmer, wahrscheinlich im Dunkeln bleiben.So bleibt nur die Hoffnung zurück, daß ihr jahrelanger Kampf für Werte, die Rußland so dringend braucht, weitergeführt wird und daß als Reaktion auf ihren Tod der Entschluß gefaßt wird, die demokratischen Prinzipien zu verteidigen.

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